„Leere Wände schaffen Raum für Fantasie!“

Mit so wenig wie nur möglich, das eigene Leben erfüllen. Dieses Ziel steht vor allem für eins: Minimalismus. Jasmin Mittag lebt danach und erzählt von dem außergewöhnlichen Lebensstil.

So schlicht und einfach wie sie ihr Leben hält, kleidet sie sich auch. Jasmin Mittag trägt ein schwarzes Kleid mit einer kleinen Kette, als sie lächelnd ihr Lieblings Café in Hannover betritt. Früher hat sie auf dieser Straße gewohnt und fühlt sich hier sehr wohl. Dass sie bis gerade noch Fahrrad gefahren ist, sieht man der Blondine kaum an. Ihre kurzen, glatten Haare umrahmen ihr leicht gerötetes Gesicht. „Ich war nie ein Fashionvictim.“ erinnert sich die Hannoveranerin. Den minimalistischen Lebensstil hat sie vor vier Jahren für sich entdeckt. Nun ist sie als selbstständige Projektmanagerin tätig und beschäftigt sich unter anderem mit Themen wie Nachhaltigkeit, Minimalismus und Feminismus.

Begonnen hat alles mit dem Umzug in eine Einzimmerwohnung. „Die Kartons waren mit viel mehr Dingen gefüllt, als ich eigentlich glaube zu haben.“ Viele davon boten ihr eine Identifikationsfläche oder waren von emotionaler Bedeutung – bis die Veganerin sich fragt: Was ist wesentlich? Was brauche ich wirklich? Was erfüllt einen Zweck? So löst sie sich nicht nur von Gewohnheiten, sondern auch von Gegenständen.

„Früher dachte ich: Alles was ich habe ist gut. Jetzt habe ich die Einstellung: Alles was ich nicht habe ist gut.“ Für sie ist es eine Erleichterung, sich nicht mit Kaufentscheidungen beschäftigen zu müssen. Es geht ihr nicht darum, gar nicht zu konsumieren, sondern bewusst.

Menschen, die Jasmin Mittag kennen, wissen, dass man ihr am liebsten keine Gegenstände schenkt. Ein Gentleman mit Rosen hat ganz schlechte Karten. Betrübt erzählt sie „Ich mag keine Schnittblumen. Ich finde es nicht okay, dass die Pflanzen getötet werden, damit sich die Menschen für kurze Zeit an ihnen erfreuen.“ Immer wieder spricht sie sich klar gegen die Wegwerfgesellschaft aus. Bei dem Wort „Deko“ läuft ihr sichtlich ein kalter Schauer über den Rücken. Sie muss schmunzeln und lehnt sich zurück. Am schönsten findet die 40-Jährige ihre Wohnung mit möglichst wenig Inhalt. „Leere Wände schaffen Raum für Fantasie!“, sagt sie. Genau das bringt Jasmin Mittag in minimalistischer Objektkunst zum Ausdruck.

Der Kleiderschrank offenbare nur wenige Farben, erzählt die Künstlerin stolz. Vier um genau zu sein: weiß, schwarz, grau und rot. Das Klischee der Minimalistin, die weniger als 100 Gegenstände hat, erfüllt sie jedoch nicht. Dabei ist sie nicht die einzige, das weiß sie genau. „Es ist schon so, dass wir dieses Image mit den 100 Teilen haben. Es gibt natürlich welche, die danach leben, aber in Hannover wirst du wahrscheinlich niemanden finden.“ Aus Überzeugung beteiligt sie sich seit Jahren an der Organisation des Minimalismus-Stammtisches in Hannover. Dort können Minimalisten und Interessierte miteinander über das Aussortieren sprechen. Es ist häufig nicht einfach, diesen Lebensstil mit dem näheren Umfeld zu vereinen. Daher kommen beim Stammtischtreffen auch hilfreiche Tipps nicht zu kurz. „Ich finde es auf jeden Fall total inspirierend, wenn ich mitbekomme, dass sich Menschen von Besitz lösen.“ erzählt die Hannoveranerin mit funkelnden Augen. Diese Inspiration möchte sie auch an andere weitergeben und eröffnet am 18.Februar 2020 ihre Ausstellung zum Projekt „the one thing“, für das sie Menschen mit ihrem wichtigsten Gegenstand porträtiert hat. Auf ihren Lebensstil und ihre Projekte ist die Minimalistin sichtlich stolz. „Das ist mein Leben und meine Mission. Ich wache morgens auf und freue mich des Lebens, dass ich die Dinge tun darf, die ich tue.“

Text: Anita Stall


Das Interview wurde im September 2018 von mir geführt und ist in der Zeitung „Ideenreich“ erschienen.

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Veröffentlicht von Anita Stall

Ich bin wahrscheinlich die Bridget Jones unter den Autorinnen: Mit einem Fuß im Fettnäpfchen, mit dem anderen schon auf dem Weg zur nächsten Story. Doch statt Männer wie Daniel Cleaver zu studieren, mache ich lieber meinen Bachelor in Journalistik.

5 Kommentare zu „„Leere Wände schaffen Raum für Fantasie!“

  1. Zum Nachdenken anregend. Schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich nicht über materielle Dinge identifizieren. Menschen, die sich mit „wenig“ reich fühlen und als solche selbstbewusst durchs Leben gehen.
    Dankeschön für diesen Artikel!

    Gefällt 1 Person

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