Drag Queen: Wenn Manuel zu Amber wird

Anfangs erweckte Manuel* seine Drag-Persona „Amber“ nur an Karneval oder Halloween zum Leben, um nicht aufzufallen. Heute steht er dazu, eine Drag Queen zu sein – nur vor seiner Familie wahrt er das Geheimnis. Im Interview gibt er mir private Einblicke in sein Leben.

Fünf Stunden für den „Magic Moment“

Manuel (24) macht Drag seitdem er 16 Jahre alt ist. (Foto: © Arne)

„Ich war früher sehr fasziniert von dem Charakter einer starken, schwarzen Frau. Meine Mutter oder meine große Schwester waren ein Vorbild für mich. Schon in meiner Kindheit war ich ein sehr großer Sailor-Moon-Fan. Da gab es immer diese Transformations-Scene, wenn sich das Schulmädchen in ihre magische Person verwandelt. Mit Drag kann ich das auch einfach machen.

Ich fange damit an, dass ich gucke wie ich meine Unterhose am besten trage, dass die Beule weg ist. Es gibt Drag Queens, die sich den Penis nach hinten ziehen und die Hoden kommen dann in die Bauchdecke rein. Das ist unangenehm – vor allem, weil man nicht auf Toilette gehen kann. Dann kommt die erste Strumpfhose mit den Pads. Die kommen dann an die Hüfte mit bestimmt – lass mich nicht lügen – sechs weiteren Strumpfhosen drüber. Danach ziehe ich noch Shapewear an. Dann kommen meine Implantate. Das sind wirklich solche Silikonimplantate. Ich sehe meine Dragpersona nicht mit einem riesigen Vorbau. Sie hat eigentlich A – also einen ganz kleinen Vorbau.

Durch das Tapen nimmt Manuels Gesicht eine weiblichere Form an. (Foto: © Nele Schröder)

Ich mache das nicht mehr, dass ich meine Augenbrauen weg klebe. Ich habe jetzt eine andere Methode herausgefunden: Ich nehme meine Haut und ziehe sie nach oben – wie so eine Art Lifting. Dann nehme ich medizinisches Tape und klebe das alles an meiner Perückenkappe fest.

Wenn ich mich beeile, kriege ich es in drei bis vier Stunden hin. Wenn ich mir wirklich Zeit nehme, sind das fünf Stunden. Sobald ich mein Make-Up drauf habe und eine Perücke aufsetzte, wäre es ganz cool, mich Amber zu nennen. Es ist tatsächlich auch ein No-Go für alle Drag Queens, sie dann mit ihrem Boy-Namen anzusprechen. Man hat sich nicht umsonst so viel Arbeit gemacht.

Drag als Puzzleteil

„Ich bin homosexuell – definitiv. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich Drag mache. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe“ (Foto: © Nele Schröder)

Es ist mein „Safespace“. Dort hole ich meine ganze Energie her. Wenn ich in meine Persona schlüpfe, bin ich sehr selbstsicher. Mich kann dann niemand so leicht verletzten. Ich fühle mich besser, wenn ich Make-Up drauf habe, aber nicht um mein Gesicht hinter einer Maske zu verstecken.

Die letzten Events, bei denen ich gewesen bin waren bei der „Schwulen Sau“. Zum Beispiel das Karaoke Imperium: Da habe ich in Drag Karaoke-Songs runtergeträllert.

Wichtig ist, dass man sich nicht selbst verliert, dass man sich nicht nur stark und selbstsicher als Amber fühlt, sondern das übernimmt, wenn man kein Drag macht. Damit die „normale“ Person nicht verkümmert. Viele Drag Queens lieben sich erst, wenn sie in ihre Persona schlüpfen und das ist nicht gesund. Du als Mensch bist liebenswert.

Amber kann sich nicht überall zeigen

„Ich finde, Make-Up ist wie eine Art Kunst“ (Foto: © Manuel)

Meine Familie weiß von meinem Drag tatsächlich gar nichts. Meine Mutter würde es nicht so okay finden. Sie ist streng gläubig. Das wäre das Werk des Satans. Ich halte von dem katholischen Glauben recht wenig. Die Bibel an sich finde ich eher cool als Leitwerk, aber nicht als Regelwerk. Meine Freunde feiern mich immer, wenn ich Drag mache. Die ersten Reaktionen waren: „Wow, richtig cool“. Mein Chef wird mich deswegen nicht zur Rede stellen – so offen ist die Agentur. Ich merke aber schon, dass das eher ignoriert, als gut geheißen wird.

Die Lokal-Drags brauchen mehr Support

Ich glaube die echten Drag Queens in Hannnover kann man mit zwei Händen abzählen. Das wäre ein Mal die liebe Disko Jutta, Donna Weather und Cici Cottage – die Hausdame der „Schwulen Sau“. Dann kommt noch Pearl Fection. Das ist auch meine Drag-Mutter. Es ist wichtig, dass die lokalen Drag Queens etwas mehr Popularität bekommen. Alle sind nur so: „Juhu – RuPaul’s Drag Race“. Aber die lokalen Queens bekommen nicht so viel Aufmerksamkeit.“

* Nachname aus Gründen der Anonymität nicht genannt


Text: Anita Stall

Fotos: Arne (Instagram @arne235) & Nele Schröder (Instagram @llivenletdie)

Mehr Bilder von Amber und Manuel gibt es auf Manuels Instagram-Account zu sehen.


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Veröffentlicht von Anita Stall

Ich bin wahrscheinlich die Bridget Jones unter den Autorinnen: Mit einem Fuß im Fettnäpfchen, mit dem anderen schon auf dem Weg zur nächsten Story. Doch statt Männer wie Daniel Cleaver zu studieren, mache ich lieber meinen Bachelor in Journalistik.

4 Kommentare zu „Drag Queen: Wenn Manuel zu Amber wird

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