Stonewall-Aufstand: Die Freiheit zum Widerstand

Es ist der 27.Juni 1969, als Henry die dunkle Straße entlang läuft. Die Straßenlaternen am Wegrand leuchten nur schwach. Doch der Dreck, den die New Yoker tagsüber verteilen ist nicht zu übersehen: Überall festgetretene Kaugummis und zerknüllte Papiertüten am Boden der Christopher Street. Als Henry hochblickt, erkennt er eine Leuchttafel. Die rote Schrift flackert. „Stonewall Inn“ steht dort in großen Buchstaben geschrieben.

Foto: © Flickr/ Travis Wise

Henry drückt die Klinke runter und öffnet die Tür. Ihm kommt der Geruch von Bier und Zigarettenrauch entgegen. Es ist laut. Viele Menschen reden durcheinander. Er drängelt sich durch Menge, bis er an der Theke ankommt. Mit dem Blick in Richtung Barkeeper legt er einen Arm auf den klebrigen Tresen. Jemand klopft ihm auf die Schulter. „Henry – na endlich! Auch `n Bier?“ Er dreht den Kopf um. Es ist James. Henrys Blick wandert direkt auf seine rot geschminkten Lippen. Er muss lächeln und gibt ihm einen kurzen Kuss. „Du kennst mich zu gut!“ Plötzlich spürt Henry, wie eine Hand fest seinen Arm packt. „Den Ausweis – sofort!“ schreit ihn ein dicker Mann in Polizeiuniform an. James schaut zu Henry und reißt die Augen auf. „Ist etwas nicht in Ordnung, Officer?“ – „Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Frech werden Sie jetzt also auch noch. Sie sind festgenommen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Umdrehen und Hände auf den Rücken!“ brüllt er so laut, dass mehrere Tropfen seiner Spucke direkt in Henrys Gesicht landen. Für einen kurzen Moment wird es still in der Bar. Alle starren mit offenem Mund auf den Polizeibeamten, der die Handschellen öffnet, um sie Henry umzulegen. Im nächsten Moment rennt ein Mann aus dem Pulk hervor und rammt mit seiner Schulter den Polizist. „Gay Power!“, hallt es durch die Bar und weitere Männer setzten zum Angriff an. Immer wieder brüllen sie: „Gay Power, Gay Power, Gay Power!“, als fünf weitere Polizisten angestürmt kommen. Zwei von ihnen packen Henry links und rechts am Oberarm und drücken ihn zu Boden. Sein Gesicht prallt auf den harten, kalten Fliesenboden. Eine Hand drückt sein Gesicht zur Seite und ihm werden Handschellen angelegt. Ein lautes Klirren erfolgt. Die ersten Glasflaschen fliegen über die Köpfe des Pulks hinweg, in Richtung der Polizisten. Ihre Scherben verteilen sich beim Aufprall über den ganzen Boden. „Gay Power!“ stimmt jetzt auch Henry ein, als der Beamte ihn hochzieht und in Richtung des Ausgangs, durch die pöbelnde Menge schiebt. Die anderen Polizisten prügeln mit Schlagstöcken auf die restlichen Männer ein. James bekommt einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Dann noch einen und noch einen. Beim dritten Schlag spritzt ihm Blut aus der Nase. Er öffnet den Mund soweit er kann und schreit „Gay Pride!“ So laut, dass die pulsierenden Adern an seinem Hals sichtbar werden.


Der Text basiert auf einer wahren Begebenheit: dem Stonewall-Aufstand. Jedes Jahr gehen mehrere hunderttausend Menschen beim Christopher Street Day auf die Straße, um diesem Ereignis zu gedenken. Es ist meine Antwort auf die Frage „Was bedeutet Freiheit für dich?“ Denn, für die Freiheit die ich heute als Frau genieße, mussten vor mir Menschen kämpfen: Für das Recht die Schule zu besuchen, das gleiche Geschlecht heiraten zu dürfen, verreisen zu können – ohne meinen Ehemann um Erlaubnis zu bitten. Die Freiheit, dass ich auf der Straße laut „Nein!“ schreien kann, wenn mir danach ist. Dafür, dass ich bei den Wahlen mein Kreuz setzten kann, mein eigenes Geld verdiene – und auch frei darüber verfügen darf. Ich möchte nie vergessen, dass vor mir Menschen für meine Freiheit bluten mussten. Sie waren nicht frei – viele sind es bis heute nicht. Ich nehme mir das Recht, aufzustehen und zu protestieren, wenn mir jemand meine Freiheit nimmt. Denn dafür muss man kämpfen und mutig sein. Das war schon immer so.

*Alle Personen sind frei erfunden

Text: Anita Stall II Foto: Flickr/ Travis Wise


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Veröffentlicht von Anita Stall

Ich bin wahrscheinlich die Bridget Jones unter den Autoren: Mit einem Fuß im Fettnäpfchen, mit dem anderen schon auf dem Weg zur nächsten Story. Doch statt Männer wie Daniel Cleaver zu studieren, mache ich lieber meinen Bachelor in Journalistik.

8 Kommentare zu „Stonewall-Aufstand: Die Freiheit zum Widerstand

  1. Im Vordergrund steht natürlich die Message. Aber ich finds noch dazu sehr anschaulich geschrieben. So macht „Geschichtsunterricht“ Spass. 😉 Du solltest ruhig mehr in der Richtung schreiben.

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  2. Wissen wir denn, ob Gott nicht vielleicht eine Göttin ist? (Anastasia Geng v. Schwabe)

    „… dass vor mir Menschen für meine Freiheit bluten mussten“ – Ja, vor uns, für uns und unsere Freiheit haben schon viele Menschen Hürden, Aufwand und Leiden getragen und ertragen.

    Ihr Einsatz hat letztlich unsere heutige Freiheit über die Zeiten in den unterschiedlichsten Lebensbereichen stark mit geprägt. Ich denke am schwierigsten war es dabei für Frauen in der damals doch äußerst stark von Männern dominierten Welt. Und dies in den unterschiedlichsten Bereichen wie aus den u.g. Auszügen kurz dargestellt:

    Elisabeth Selbert (1896-1968) „Mutter des Grundgesetzes“ – Die Juristin und SPD-Politikerin sorgte für die Verankerung des Satzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ im Grundgesetz

    Helene Lange (1848 – 1930): Die Pädagogin setzte sich ihr Leben lang für die Bildung von Mädchen und Frauen ein – und versteckte nie, dass sie eine Beziehung mit einer Frau führte.

    Dorothea Christiane Erxleben (1715-1762) war die erste promovierte deutsche Ärztin (im Jahr 1754!!!) und eine Pionierin des Frauenstudiums. Denn sie kämpfte dafür, studieren zu dürfen.

    Lida Gustava Heymann 1868-1943: Die Frauenrechtlerin, die sich für eine würdevolle Behandlung von Prostituierten einsetzte.

    Agnes Karll 1868 – 1927, Deutschland: Reformerin der Krankenpflege: Sie gründete 1903 die erste (!) Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen in Deutschland (nicht konfessionell). Die Berufsorganisation gab den außerhalb der Verbände arbeitenden Schwestern Rückhalt im beruflichen, persönlichen und rechtlichen Sinne, ohne deren Selbstbestimmungsrecht in so weitreichender Weise zu nehmen, wie das in den meisten Organisationen bis dato der Fall gewesen war.
    Sie erreichte nach und nach Verbesserungen der sklavenähnlichen Zustände der Pflegerinnen.

    Sophie Scholl: Die berühmteste deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus.

    Siehe auch:

    http://www.frauen-gedenk-labyrinth.de/historifrauen.html
    https://www.buzzfeed.com/de/annaaridzanjan/starke-frauen-der-deutschen-geschichte-deutschland

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