Kultur in der Corona-Krise: Der löchrige Rettungsschirm

Ein leises Klicken ertönt, die Ladeboardwand öffnet sich. Thomas Döttger und seine Kollegen stehen im Halbkreis um den weißen Transporter herum. Alle blicken in Richtung der Rückwand. Stück für Stück offenbart sich immer mehr, von dem was sich im Inneren befindet: Schwarze Koffer, Lautsprecher-Boxen und drei Meter lange Traversen liegen bis an die Decke gestapelt. Dieses Material zu verladen und aufzubauen gehört zu seinem täglichem Geschäft. Er ist selbständiger Veranstaltungstechniker in Hannover und der Region. Bis vor wenigen Monaten zählten auch Großveranstaltung zu seinem Arbeitsplatz. 

Veranstaltungen wie diese sind ohne Fachpersonal undenkbar. (Foto: ©Luka Weppner)


Mit dem Beginn der Corona-Krise ist das jedoch nicht mehr möglich. Seit März 2020 sind Großveranstaltungen verboten. Für Selbstständige und Arbeitnehmende aus der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft bedeutet das vor allem eins: kaum Einnahmen. „Unter dem Strich fallen ungefähr 90 Prozent des Umsatzes vom Vorjahr weg“, berichtet Thomas Döttger. Der 38-Jährige ist schon fast sein halbes Leben lang in der Veranstaltungswirtschaft tätig. Seit dem Ausbruch der Pandemie lebt der Einzelunternehmer von privaten Rücklagen. Doch die Folgen sind noch weitreichender: „Wenn das Geschäftliche zusammenkracht hat das auch Auswirkungen auf das Privatleben. Bei mir hat es das Ende einer potenziellen Familiengründung mit sich gebracht.“ Seine Lebensgefährtin trennt sich von ihm. In den ersten Monaten musste er sich erst mal sammeln, berichtet er. Seit dem ist der Arbeitsalltag für ihn ein ständiger Kampf um Jobs. Die dünne Auftragslage sorgt für mehr Konkurrenz. „Man nimmt Aufträge an, die man normalerweise gar nicht machen würde – schon gar nicht zu dem Preis. Das macht man natürlich um sich irgendwie über Wasser zu halten.“

Bisherige Überbrückungshilfen reichen nicht aus


Um Menschen wie Thomas Döttger aufzufangen, werden vom Staat Überbrückungshilfen zur Verfügung gestellt. Diese Finanzhilfen sind in zwei Phasen unterteilt:

Die Überbrückungshilfe I umfasst die Monate Juni bis August. Hierbei werden die Fixkosten (wie Miete, Pacht für Lager und Büroräume) nur zu einem bestimmten Prozentsatz übernommen. Das heißt es sind nicht alle Kosten abgedeckt. Wie viel Geld ein Unternehmen bekommt, richtet nach den der Anzahl der Mitarbeitenden und der Höhe des Umsatzeinbruchs. 

Im Anschluss kommt die Überbrückungshilfe II – mit angepassten Antragsbedingungen. Es gelten folgende Unterschiede: Für den Zeitraum von September bis Dezember kann mehr Geld beantragt werden und es ist einfacher dieses zu bekommen. 

Trotz der verbesserten Förderbedingungen bangen viele der mehr als 1,5 Millionen Menschen in der Kulturbranche um ihre Existenz. Zuständig für die Unterstützung sind auf bundespolitischer Ebene die Wirtschaft- und Kulturministerien. Kulturstaatsministerin Monika Grütters betont in einer Stellungnahme, wie wichtig es sei die Einnahmeausfälle schnell und großzügig zu kompensieren.

Kein Partyvolk, keine Einnahmen. Seit der Corona-Krise ist das Realität für Clubs wie diesen. (Foto: ©Luka Weppner)

Doch bei den bisherigen Finanzhilfen zeigen sich einige Schwachstellen, insbesondere für Soloselbstständige. Die Fixkosten werden nicht umfassend abgedeckt. „Bei den Leasingkosten kann man zum Beispiel nur zwei Prozent ansetzen“, bemängelt Thorsten Meyer, Initiator der Veranstaltungswirtschaft Nordwest. Von einem gemieteten Firmenwagen können so beispielsweise nur zwei Pozent angerechnet werden. Viele Unternehmen könnten deshalb damit nicht einmal die Hälfte ihrer laufenden Kosten decken. Immer wieder weißt er im Namen des Aktionsbündis #AlarmstufeRot auf die Mängel der Programme hin. Dazu zählt auch, dass die bisherigen Hilfen nur für gewerbliche Ausgaben genutzt werden dürfen. Meyer berichtet weiter: „Das bedeutet, dass man nicht nur kein Geld für den Lebensunterhalt hat – wo man auf die Grundsicherung verwiesen wird – sondern die Unternehmen machen trotzdem noch minus.“ Immer wieder habe er Rechenbeispiele vorgelegt, um auf Schwachstellen hinzuweisen. Das erste Mal macht die Veranstaltungsbranche im Juni 2020 mit „Night of Light“ darauf aufmerksam. Seit dem finden regelmäßig Demonstrationen statt.

Ob in Berlin, Düsseldorf oder Bremen – in ganz Deutschland gehen tausende Menschen auf die Straße. Auch in Thomas Döttgers Wohnort Hannover waren sie zu sehen. Aus zeitlichen Gründen konnte er jedoch nicht teilnehmen. Die Proteste richten sich ausdrücklich nicht gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Mit Sarg und Sensenmann beerdigen sie die Kulturbranche oder verkünden mit riesigen Schildern ihre Forderungen: „Pleitewelle stoppen!“ Die Botschaft ist klar: Ohne bessere staatliche Hilfen stirbt die Veranstaltungswirtschaft.  

Damit verschaffen sie sich Gehör bei der Politik. In Niedersachsen wurde ein runder Tisch mit Bernd Althusmann (CDU) einberufen, bei dem Kulturschaffende im Wirtschaftsressort zu Wort kommen. Anders sieht es im Kulturministerium von Niedersachen aus. Thorsten Meyer von #AlarmstufeRot muss feststellen, dass die Anmerkungen dort auf taube Ohren stoßen. „Da hatte man das Gefühl, man wird nicht ernst genommen, sondern praktisch bewusst geopfert“, kritisiert Meyer. Auch Veranstaltungstechniker Thomas Döttger ist wenig zuversichtlich.

„Ich schaffe es vielleicht noch ein halbes Jahr.“

Thomas Döttger, Veranstaltungstechniker

Die bisherigen Überbrückungshilfen bringen bei den von ihm in Rechnung gestellten Aufträgen nämlich „null Prozent“. „Es gibt andere, bei denen es schwerer sein wird. Die haben Leasings laufen, für Maschinen und Autos. Denen steigt die Bank natürlich ganz schnell aufs Dach. Dann werden sie gezwungen aufzugeben. Es ist ja noch nicht mal so, dass du da groß eine Wahl hast.“ Um diese Menschen vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, sollen die bisherigen Hilfen weiterentwickelt werden.

Ob das die Rettung für die Kulturbranche sein kann?

Das muss sich zeigen. Noch arbeiten das Bundesministerium der Finanzen und das Bundesministerium für Wirtschaft an den Details. Die genauen Antragsbedingungen sind dementsprechend bislang noch nicht klar.

Zusätzliche Entlastung während dem „Lockdown light“ soll die Novemberhilfe bieten. Antragsberechtigt hierfür sind alle Unternehmen und Selbstständigen, die aufgrund des Lockdowns seit dem 28. Oktober geschlossen sind oder indirekt von Schließungen betroffen sind. Dazu müssen sie nachweisen, dass sie 80 Prozent ihrer Einnahmen mit den nun geschlossenen Betrieben verdienen. Ein*e Veranstaltungstechniker*in, der*die meist in Theatern tätig ist, kann die Novemberhilfen beantragen. Die einzige Voraussetzung: Die Buchung muss über ein Unternehmen erfolgen. So hat beispielsweise ein DJ, der für eine Hochzeit privat vom Brautpaar gebucht wird, keine Ansprüche. Generell werden pro Woche 75 Prozent des durchschnittlichen Wochenumsatzes von November 2019 ausgezahlt. Alternativ sollen Soloselbstständige auch den durchschnittlichen Monatsumsatz, des vergangenen Jahres als Vergleich ziehen dürfen. Wer einen Förderbetrag von mehr als 5000 Euro beantragen will, kann das allerdings nicht selbst tun, sondern muss dafür einen Steuerberater beauftragen. Um die zehn Milliarden Euro werden für die Wirtschaftshilfen bereitgestellt. Schon Ende November sollen die ersten Zahlungen fließen. Die Anträge können in Niedersachen voraussichtlich in der letzten Novemberwoche gestellt werden. 

Die großen Veranstaltungshallen bleiben leer. (Foto: ©Luka Weppner)

Wirtschaftshilfen sorgen für Skepsis

Wie oft die bisherigen Überbrückungshilfen tatsächlich genutzt werden oder wieviel Geld dabei ausgezahlt wird, konnte auf Nachfrage nicht beantwortet werden. Weder beim Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, noch beim Niedersächsischen Ministerium für Kultur, der Staatsministerin für Kultur oder dem Bundesministerium für Wirtschaft gibt es Antworten auf diese Fragen.

Stattdessen verweisen sie auf Erklärungsseiten zu Überbrückungshilfen und allgemeine Statements. „Mit der Novemberhilfe haben wir jetzt eine unbürokratische Unterstützung auf den Weg gebracht, von der gerade die vielen kreativen Soloselbständigen in dieser Branche profitieren werden“, heißt es dort in einem Statement von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Umso interessanter, dass trotzdem keine genauen Zahlen genannt werden können.

Thorsten Meyer von #AlarmstufeRot kritisiert, dass schon die bisherigen Überbrückungshilfen an der Lebensrealität der Betroffenen vorbei gingen. Wie auch Thomas Döttger haben viele Selbstständige kaum betriebliche laufende Kosten. Damit fallen sie durch die Löcher im Rettungsschirm. Thorsten Meyer fordert: „Ein neues Programm muss her.“ Er hält es für die beste Lösung, dass Kulturschaffende vorab einen Auszug der Hilfsprogramme erhalten, um vorzeitig auf Schwachstellen hinweisen zu können.

Thomas Döttger steht den Novemberhilfen skeptisch gegenüber. Gerade die Tatsache, dass der Antrag jede Woche neu und gegebenenfalls über einen Steuerberater gestellt werden muss, ärgert den Selbstständigen. Der 38-Jährige fürchtet eine große Pleitewelle im Januar.

Ein Lichtblick: Die Novemberhilfen wurden überarbeitet

Dank der Arbeit von #AlarmstufeRot und den Verbänden der Veranstaltungsbranche werden die ersten Erfolge verzeichnet. „Das Schlimmste konnte abgewendet werden“, teilt Thorsten Meyer mit. Die Antragsbedingungen für die Novemberhilfen wurden verbessert und nun kann ein Großteil der Betriebe mit Hilfe rechnen. Auch das Sonderprogramm für Soloselbstständige in Niedersachsen sei ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Doch damit ist seine Arbeit nicht getan: „Hier sehe ich noch einige Probleme bei der Ausgestaltung und der Gleichbehandlung.“ Auch wenn sich die Situation gebessert hat: „Die ultimative Hilfe ist es noch nicht“, so Meyer.

Veranstaltungstechniker Thomas Döttger warnt vor den gesamtwirtschaftlichen Folgen: „Man sagt immer, wenn die Automobilwirtschaft hustet, dann bekommen alle eine Erkältung. Das trifft auf unsere Branche mindestens genau so zu.“ Seine Aussage zeigt die Tragweite der Thematik: Fallen Menschen wie er weiter durch den Rettungsschirm, können auch nach der Pandemie keine Festivals, Messen und Konzerte mehr stattfinden. Denn wer baut die Bühnen auf, wer kümmert sich um das Management der Veranstaltungen, wenn alle pleite sind? Es würde nicht mehr viel von dem bleiben, was das Land der Dichter und Denker ausmacht: seine Kultur. 

Text: Fabian Dreyer, Nele Kolf und Anita Stall

Fotos: Luka Weppner


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Veröffentlicht von Anita Stall

Ich bin wahrscheinlich die Bridget Jones unter den Autorinnen: Mit einem Fuß im Fettnäpfchen, mit dem anderen schon auf dem Weg zur nächsten Story. Doch statt Männer wie Daniel Cleaver zu studieren, mache ich lieber meinen Bachelor in Journalistik.

2 Kommentare zu „Kultur in der Corona-Krise: Der löchrige Rettungsschirm

  1. Es ist wahrlich alles andere als einfach für die Veranstaltungs ranches in dieser Zeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Politik entsprechend signifikant und effektiv unterstützt.

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