Schriftstellerin Iris Wolff über Vorurteile und das Leben

Für ihre Bücher erhielt Iris Wolff bereits mehrfach Auszeichnungen. Mit ihrem neusten Roman Die Unschärfe der Welt wurde sie sogar für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert. Das Buch erzählt die Geschichte von sieben Figuren, aus unterschiedlichen Generationen. Anita Stall hat sich mit der Autorin darüber unterhalten, welche Parallelen man zwischen dem Buch und ihrem eigenen Leben ziehen kann. Dabei herausgekommen ist eine Unterhaltung über die schönen und unschönen Dinge im Leben.

Stall: Vor acht Jahren haben Sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Mit Ihrem jüngsten Roman landeten Sie sogar auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Wo hat dieses Talent die ganze Zeit geschlummert?

Wolff: (lacht) Für das erste Buch habe ich sechs oder sieben Jahre gebraucht. Am Anfang hatte ich auch ganz viele Zweifel, ob ich so einen Roman schaffe. Es geht ja auch darum die Form zu runden und die erzählte Welt so zu bauen, dass jemand gerne durchgeht. Als ich dann fertig war, dachte ich: „Ja, das macht mir Spaß. Ich probiere es noch ein zweites Mal.“ Aber nach jedem Buch fragt man sich: „Was soll jetzt noch kommen? Wird es noch mal gelingen?“ (lacht) Es ist immer ein kleines Wunder.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

S: Vier Mal ist es Ihnen schon gelungen, zuletzt mit Die Unschärfe der Welt. In diesem Buch lassen Sie auch eine gewisse Unschärfe, beziehungsweise Lücken in der Erzählung. Glauben Sie, dass diese eher ein Verlust oder ein Gewinn für die Leser und Leserinnen sind?

W: Lücken zu lassen bedeutet für mich als Schreibende eine unglaubliche Freiheit. Ich kann den Menschen in einer Momentaufnahme seines Lebens zeigen. Es ähnelt ja auch eher dem echten Leben: Wir treffen eine andere Person und was wissen wir denn schon von der? Was war, bevor wir sie trafen? Was passiert, wenn sie wieder weggeht? Es ist viel authentischer so zu erzählen. Die Lücke ist immer ein Ansporn mitzuarbeiten – hoffe ich zumindest. Ein Rezensent hat auch mal geschrieben: „Iris Wolff schenkt uns sieben Mal einen Anfang.“ Das fand ich schön, weil ich Anfänge so liebe. Für jemand anderen kann es auch eine Überforderung sein oder ermüden. Wie ging es Ihnen beim Lesen?

S: Ich habe mir gedanklich einen Stammbaum der Figuren zurechtgelegt und zwischenzeitlich überlegt, ob ich ihn mir aufschrieben soll. Meinen persönlichen Aha-Moment hatte ich, als ich verstanden habe, dass sich alle Figuren bei Samuel treffen. Steht er im Mittelpunkt, weil er Ihre Lieblingsfigur ist?

W: Ich habe vor meinen Nebenfiguren genau so großen Respekt, wie vor meinen Hauptfiguren. Samuel ist ein Mensch, der handeln kann und sich nicht innerlich mit Pro- und Kontra-Listen zerfleischt. Er hat so eine Entschlossenheit. Das mag ich an ihm.

S: Es gibt eine Scene, die mir einfach nicht aus dem Kopf geht: Wie Malva von ihrem Mann geschlagen wird. Ich fand es total erschreckend, dass Sie das mit reingenommen haben. Warum war Ihnen das wichtig?

W: Mir ist es wichtig, dass das Leben mit seiner ganzen Bandbreite in so ein Buch reinwächst: Leid ist genauso wichtig, wie Nähe, Zärtlichkeit und Liebe. Wenn man so hinschaut gibt es eigentlich eine Menge Leid. Nach vielen Wochen ist mir aber bewusst geworden, dass dieses Buch etwas Versöhnendes hat. Es gibt viele Leben, die – wie bei einer Stickerei – miteinander verflochten sind. So ist das Leben: Sie sind ein einzelner Faden, ich bin ein einzelner Faden. Wenn er abgeschnitten wird, dann liegt er irgendwo lose herum. Wenn man das Leben als Gewebe betrachtet – es als Struktur fasst – dann kann ein Leben enden, etwas verloren gehen und es wird wieder aufgehoben. Das ist eigentlich das Schöne: Dass man manchmal zurücksteckt – wie Samuel – und für jemand anderen etwas tut.

S: Samuel sagt an einer Stelle im Buch: „Jeder sieht in dir, was er will, das muss nicht heißen, dass du so bist.“ Wie wollen Sie wahrgenommen werden?

W: Das ist ein sehr guter Spruch! Ich glaube, das Schönste was passieren kann – und das können im Buch zum Beispiel Florentine und Hannes – ist, dass man loslassen kann. Sie haben keinen Plan für ihren Sohn Samuel, sondern immer diese Großherzigkeit.

„Ich finde das Schlimmste ist, dass wir permanent meinen, wir wüssten wie der Andere ist. Das ist die größte Gewalt, die wir einander antun.“

Iris wolff

Kleine Anekdote: Ich bin abends auf einer Lesung, wir trinken ein Glas Rotwein, dann gehe ich raus und rauche eine Zigarette. Ich bin so ein Eine-Zigarette-am-Tag-Typ. Meistens sagt daraufhin irgendjemand: „Das hätte ich Ihnen aber jetzt gar nicht zugetraut. Sie sehen gar nicht so aus.“ Und dann denk ich auch immer: „Oh je, oh je! Was für ein Bild hat der denn, das noch nicht mal rauchen in dieses Bild passt?“ (lacht)

S: Wenn mich Menschen das erste Mal rauchen sehen, reagieren sie oft genauso. Und dann frage ich mich immer: „Wie sieht denn eine Raucherin aus?“

W: (begeistert) Ja, oder? Das ist so komisch und irritierend. Was ist das denn für ein Bild, das man hat? Und sieht das denn so brav aus, dass man nicht einmal mehr rauchen kann?

S: Ich finde es auch immer unangenehm, wenn man sich selbst dabei ertappt, wie man andere verurteilt – und sich diese Urteile dann auch noch als falsch herausstellen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir löst das dann immer ein schlechtes Gewissen aus.

W: (bedrückt) Ja, Scham. Ich bin überhaupt nicht frei davon – gar nicht. Wenn man jemanden in eine Schublade stecken kann, dann gibt uns das Sicherheit. Ich merke das auch manchmal in der Straßenbahn, schäme mich dann und denke: „Aber wenigstens merkst du es.“ Es gibt auch Leute, die einen partout nicht von einem bestimmten Bild entlassen wollen. Man kann sich 100-mal verändern, aber die sagen immer noch: „Du wohnst für mich in diesem Rahmen“ und beharren darauf. Es wird auch oft gesagt, dass es beeindruckend ist, wie schnell ich die Bücher raushaue. Dann denke ich immer: „Drei Jahre für 200 Seiten? Ganz ehrlich, wie viele Sätze sind das wohl am Tag?“ (lacht) Ich finde ehrlich gesagt, dass ich eine langsame Schreiberin bin. Ich nehme mir immer sehr viel Zeit und gebe ein Buch erst aus den Händen, wenn ich wirklich voll und ganz dahinterstehe.


Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff, Kategorie: Roman, Umfang: 215 Seiten, Verlag: Klett-Cotta, ISBN: 9783608983265, Preis: 20 Euro


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Veröffentlicht von Anita Stall

Für mich geht es im Journalismus nicht nur um Nachrichten. Es geht darum, Geschichten zu erzählen und den Menschen ein Gesicht zu geben.

6 Kommentare zu „Schriftstellerin Iris Wolff über Vorurteile und das Leben

    1. Hallo Sven,
      vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Wenn ich dich richtig verstehe, möchtest du gerne wissen um welche Art von Roman es sich hier handelt. Ich würde ihn als Generationenroman bezeichnen. Es geht hauptsächlich um das Zusammenleben der Figuren aus unterschiedlichen Generationen. Aber auch eine historische Romanze wäre meiner Meinung nach zutreffend. Ich hoffe, das hat deine Frage beantwortet.

      Beste Grüße
      Anita

      Gefällt 2 Personen

      1. Danke!!! Trifft sich gut, weil ich mich jetzt doch gerade – nach langem Streuben – mit dem „Zauberberg“ befasse und Thomas Mann für seine sezierende Charakterisierungen bewundere. Die Zeiten ändern sich, aber die Menschen-Typen bleiben sich doch immer ähnlich. Ist zudem dadurch aufgelockert, dass der Roman ursprünglich eine Satire werden sollte, also alles auch etwas ironisch augenzwinkernd dargebracht.

        Bin erst auf Seite 75 und hoffe, dass ich durchhalten. Nach Manns Meinung im Vorwort sollte man das Werk zweimal lesen .. Na ja, man gönnt sich ja sonst nichts in Corona-Zeiten 😉

        Dir alles Liebe ❤

        Gefällt 2 Personen

  1. Das Buch habe ich noch nicht gelesen, jedoch lässt das Interview schon einen guten Kurzeinblick auf die Gesamtthematik zu denke ich.

    Der Buchtitel lautet ja „Die Unschärfe der Welt“, ein Gedanke der mir beim Lesen kam war jedoch, dass vielleicht der Wortlaut „Die Welte(n) der Unschärfe“ noch passender sein könnte.

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