Ein Kunstwerk mit der ganzen Palette an Emotionen

Eine Literaturkritik von Anita Stall

Es ist kalt, dunkel, und sie ist einsam. Der Anfang des Romans Die Unschärfe der Welt klingt nicht nur trist, er ist es auch. Die schwangere Florentine muss den wahrscheinlich größten Kraftakt ihres Lebens alleine schaffen. In einer Winternacht verlässt sie alleine in der Kutsche das Dorf, um ihr Kind zu gebären. Wer jetzt noch denkt, dass dies ein trauriges Buch werden wird, der wird schnell eines Besseren belehrt.

Der Roman von Iris Wolff steckt voller Überraschungen. Schon im ersten Kapitel zeigt sich, welche Botschaft gesendet werden soll: Nächstenliebe. Florentines Mann kommt zum Krankenhaus. Obwohl ihm der Zutritt verwehrt bleibt, möchte er seiner Liebsten zeigen, dass er für sie da ist. Er klettert auf das Dach eines Autos und blickt durch die Fensterscheiben des Gebäudes hinein, nur um sie zu sehen. Er will ihr zeigen, dass er für sie da ist. Diese Fürsorge und Entschlossenheit gibt er auch an seinen Sohn Samuel weiter, der in dieser Szene geboren wird. Samuel ist die Hauptfigur des Romans. Sein Leben wird in sieben Kapiteln beleuchtet, immer aus dem Blickwinkel einer anderen Person – mal ist es seine Mutter, mal seine Freundin, mal seine Oma. Mit jedem Kapitel erfahren die Leser:innen mehr über Samuel und seine Familie.

Dieser Roman wurde für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert. (Foto: ©Anita Stall)

Diese Erzählweise ist vergleichbar mit dem Flug einer Passagiermaschine: Alle Buchcharaktere sitzen am Gang und drängen darauf, einen Blick aus dem Fenster zu erhaschen. So sieht jede:r von ihnen einen anderen Teil der Landschaft. Sie werden Zeitzeug:innen von unterschiedlichen Aspekten der Geschichte, die im 20. Jahrhundert spielt. Die Ausgangssituationen der Charaktere sind häufig schwierig. Sie haben mit Bespitzelung zu kämpfen, familiärer Gewalt, dem Tod und nicht selten auch mit sich selbst und ihren eigenen Gefühlen. „Mir ist es wichtig, dass das Leben mit seiner ganzen Bandbreite in so ein Buch reinwächst. Leid ist genauso wichtig, wie Nähe, Zärtlichkeit und Liebe“, erzählt die Autorin Iris Wolff.

Die Geschehnisse des Romans spielen im Banat. Dem Ort, an dem auch die Schriftstellerin aufgewachsen ist. „Rumänien war kein Auswanderungsland, wer hier geboren war, hatte hier zubleiben“, schreibt die 43-Jährige in ihrem jüngsten Roman Die Unschärfe der Welt. Im Alter von acht Jahren verlässt Wolff mit ihrer Familie das Banat und wandert nach Deutschland aus. Ihrer neuen Heimat schenkt sie vier Romane, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Zuletzt wurde sie für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert.

Die Autorin lässt Eindrücke in das Privatleben ihrer Figuren zu, die ungeschönter kaum sein könnten. Auch wenn das bedeutet, die Szenerie nach einer Schiffs-Geburt zu zeigen.

„Gegenstände auf dem Boden, ein zerwühltes Bett, Kot und Erbrochenes, die Tochter schweißnass, der Säugling voller Blut und Maschinenöl.“

Das weckt Emotionen. In diesem Fall vor allem eine: Ekel. Aber genau das ist es, was diesen Roman so authentisch macht. Wir sind hautnah dabei. Das lässt uns nicht nur zurückweichen, sondern an anderer Stelle auch genießen.

„Sie frühstückte im Garten unter dem Ahorn. Die filigranen fünfzackigen Blätter rauschten, Blätterhäute bekamen helle Adern, und unendlich langsam wanderte eine Schattenlinie über den Rasen. Die Haushälterin servierte Kaffee, ihr Vater las Zeitung.“

Was für ein friedliches Gefühl diese Szenerie doch auslöst. Uns steigt der frische Kaffee-Geruch direkt in die Nase. Wir sehen die Hitze in der Tasse aufsteigen, beobachten gedanklich, wie sie sich zum Wind beugt. Dazu das Rascheln der Zeitungsblätter im Ohr, das mit jedem Mal Umblättern wieder präsent wird. Sinne, die Wolff mit keinem einzigen Wort beschrieben hat – und doch bei uns geweckt werden.

Wir werden Zeug:innen von häuslicher Gewalt, ein Ereignis, das uns mit Trauer und Wut zurücklässt. Wir erleben das Knistern junger Liebe, können das Herzklopfen spüren. Und das Wichtigste: Wir werden daran erinnert, wie viele Gefühle ein gutes Buch in uns wecken kann.

Iris Wolff ist eine großartige Schriftstellerin, die sinnliche Kunstwerke erschafft. Dabei bedient sie sich an der ganzen Palette von Emotionen. Statt Pinselstriche nutzt Wolff Wörter, zeichnet Leinwände bunt, lässt das Buch – schwarz auf weiß – lebendig werden. Und wer laut vorliest, wird mit einer Melodie beschert, die auf Einklang bei allen stößt, die sich darauf einlassen.


Iris Wolff, Die Unschärfe der Welt, Umfang: 215 Seiten, Verlag: Klett-Cotta, Preis: 20 Euro


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Veröffentlicht von Anita Stall

Ich bin wahrscheinlich die Bridget Jones unter den Autorinnen: Mit einem Fuß im Fettnäpfchen, mit dem anderen schon auf dem Weg zur nächsten Story. Doch statt Männer wie Daniel Cleaver zu studieren, mache ich lieber meinen Bachelor in Journalistik.

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