Die (Irr-)Wege der Annette Beaumanoir

Anne Weber erhält den Deutschen Buchpreis 2020 für ihren Heldinnenepos.

Eine Literaturkritik von Stina Welzig

„Sage mir Muse, die Taten des vielgewandten Mannes,/ welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung./ vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,/ und auf dem Meer so viel´ unnennbare Leiden erduldet […]“,

so beginnt die Odyssee von Homer. Sie zählt zu den bekanntesten Heldenepen der Literaturgeschichte. Auch Anne Weber, geboren 1964 in Offenbach am Main, ist die Irrfahrt des Odysseus nicht unbekannt. Die lyrische Erzählweise diente ihr als Vorbild für ihr neues Werk, doch statt eines Helden, den es zu besingen gilt, wählt sie als Protagonisten eine Frau: Annette Beaumanoir.

Bei einer Podiumsdiskussion begegnen sich Anne Weber und Annette Beaumanoir zum ersten Mal. Ihr Aufeinandertreffen beschreibt die Schriftstellerin in ihrem Epos: „[…] in diesem Augenblick was erlebt, was wohl/ in anderen Zusammenhängen coup de foudre/ oder vom Liebesblitz getroffen hieße.“  Von Anfang an sei Anne Weber von der Frau Annette Beaumanoir, von ihrer Erscheinung, ihrer Schönheit und ihrer Art zu sprechen angezogen worden, beschreibt sie in einem Interview mit dem NDR: „Das hat mich regelrecht in den Bann gezogen.“ Daraufhin besucht sie Annette mehrfach in ihrer Heimat, der Bretagne, und lässt sich ihre abenteuerliche und „nahezu romanartige“ Lebensgeschichte erzählen. Dabei reift in Anne Weber der Entschluss, auch anderen von Annette erzählen zu wollen. „Es hätte mir widerstrebt, aus dieser Frau eine Romanfigur zu machen, ihre Geschichte auszumalen, irgendwelche Details dazu zu erfinden, Dialoge zu schaffen, ihr auch Worte in den Mund zu legen“, berichtet sie in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk Kultur. Dann sei ihr eine sehr alte und ehrwürdige Form eingefallen, in der das Leben von Helden traditionellerweise in der Literatur erzählt werde: das Heldenepos. „Tatsächlich hat mir die Vorstellung gut gefallen, dieser kleinen, schmächtigen und uralten Frau etwas so Imposantes und Kriegerisches und Männliches wie ein Heldenepos, also vielmehr einen Heldinnenepos zu widmen.“

Wie alles beginnt:

„Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen./ Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf/ diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch/ Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs./ Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie./ Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht./“

Annette Beaumanoir wird 1923 in der Bretagne geboren. Sie wächst in einfachen Verhältnissen auf. Als Jugendliche schließt sie sich der kommunistischen Résistance gegen die deutschen Besatzer an und rettet zwei jüdische Jugendliche vor der drohenden Deportation. Nach dem Krieg studiert sie Medizin und arbeitet als Neurophysiologin in Marseille. Gemeinsam mit ihrem Mann unterstützt sie die Unabhängigkeitsbewegung für ein freies Algerien als „Kofferträgerin“, indem sie Geld für den Befreiungskampf durch Frankreich transportiert. Annette wird verraten und 1959 zu zehn Jahren Haft verurteilt – flieht jedoch ins Exil nach Nordafrika. Ihren Mann und die drei Kinder muss sie zurücklassen. Nach dem Militärputsch gegen den algerischen Präsidenten Ben Bella 1965, muss sie das Land verlassen und entkommt nur knapp einer erneuten Verhaftung. Zuflucht findet sie in der Schweiz, wo sie bis zu ihrem Ruhestand in einer Genfer Klinik arbeitet, bis das Gerichtsurteil aufgehoben wird und sie nach Frankreich zurückkehrt.

Ähnlich wie Odysseus ist Anette in ihrem Leben vielen Widrigkeiten und Gefahren ausgesetzt, statt mit Seeungeheuern, kämpft sie mit der Ungerechtigkeit, in einem von den Deutschen besetzten Land leben zu müssen, in dem Unterdrückung, Verfolgung und Angst auf der Tagesordnung stehen, hinzu kommen Verräter unter den vermeintlichen Vertrauten. Ihr Kampf gegen die Besatzer wird später zu einem Kampf gegen die Politik ihres eigenen Landes. Es ist ihr Aufbruch nach Algerien, denn auf keinen Fall möchte Annette hinnehmen, dass ihr, nun mehr freies Heimatland, den Terror und die Folter der ehemals deutschen Besatzer in den kolonialisierten Ländern, wie Algerien, fortführt. Trotz allem bleiben die tieferen Bewegründe Annettes eher verschwommen.

Wie einen Goldfisch im Glas, der seine Runden zieht, beobachten die Leser*innen Annettes (Irr-) Wege, aber erhalten so nur ein verzerrtes Bild. Anne Weber hütet sich, Gedanken und Gefühle ihrer Protagonistin zu auszuformulieren. So ist Annette für die Leser*innen schwer zu erkennen und zu verstehen. Und der Erzählform geschuldet stumm. Diese Distanz schafft eher Kälte, Unverständnis und Oberflächlichkeit. Wie war es für sie, ihren Mann und ihre drei Kinder zu verlassen? Ihre Stabilität und Sicherheit aufzugeben und sich in das potentiell gefährliche und fremde Ungewisse zu wagen? Zehn Jahre irrt Odysseus nach dem Trojanischen Krieg umher. Sein Ziel: Heimkehr zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos nach Ithaka. Aber was ist Annettes Ziel? Was treibt sie an? Wonach sucht sie? Nur in wenigen Augenblicken gelingt es den Leser*inen einen tieferen Blick zu erhaschen:

„[…] aber das/ Niemandsein war nie ganz wegzukriegen, und früher/ oder später hat es sie wieder in den Untergrund, in/ allerlei Verstecke, ins Inkognito getrieben. Außerdem:/ So schlimm das Niemandsein auch ist, am Ende ist es/ wie ein Nest, wie eine Nacht, in der man auch zuhause ist/ und die man nicht von heut auf morgen/einfach so verlässt. […]/“

Den Leser*innen wird es nicht leicht gemacht, mit Annette in Kontakt zu treten. Sie bleibt bis zum Ende eher ein Schatten, eine Hülle, ein Umriss.
Ab und an gestattet Anne Weber den Leser*innen Einblicke in ihre eigenen Autorinnenempfindungen:

„und wir, wir stehen in der fernen Zeit und/ stehen/ und finden keinen Satz und keinen Vers/ und keine/ Zeile, die etwas anderes möchte als zu ste-/ hen mit ihm/ und zu weinen./“

Anne Weber legte Annette Beaumanoir das fertige Manuskript vor, in einem Interview mit dem BR erzählt sie von ihrer Reaktion: „Es hat ihr sehr gefallen, aber sie hat auch gesagt – das bin nicht ich, das ist deine Annette.“ Erst habe sie dies verunsichert, dann sei ihr bewusst geworden: „Dies ist mein Blick auf ihr Leben – nicht ihrer. Sie selbst sieht sich nicht als Heldin. Aber mein Buch ist mein Blick auf diese Geschichte.“ Zu verklärt?
Klassischer Weise wird ein Heldenepos in Hexametern geschrieben. Anne Weber bricht diese Versform auf. Binnenreime und Wortumstellungen sorgen dennoch dafür, dass ein rhythmischer Klang nicht verloren geht. Die Leser*innen rauschen, wohl eher holpern, durch ihre Welt, zu der einem der Zugang meist verwehrt bleibt. Lebendigkeit und Nähe mit dieser Erzählform zu schaffen, erweist sich als schwierig. Eine breite Leserschaft lässt sich so wahrscheinlich nicht erreichen.

Mitte Oktober 2020 erhielt Anne Weber den Deutschen Buchpreis. Sich dieser schwierigen Erzählweise zu stellen, verdient höchsten Respekt und einen Heldinnenepos zu erschaffen, war in der literarischen Welt längst überfällig.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 208 Seiten, 22 Euro.


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Veröffentlicht von Anita Stall

Für mich geht es im Journalismus nicht um Nachrichten. Es geht darum, Geschichten zu erzählen und den Menschen ein Gesicht zu geben.

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