Transidentiät – ist Beratung hilfreich?

Für Menschen, die große Schwierigkeiten haben, sich ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht ganz oder teilweise zugehörig zu fühlen, ergeben sich im Laufe ihres Lebens viele spezielle Fragen und Probleme. Eine Transberatung kann helfen.

Die Bedeutung der Unterstützung von Angehörigen, Freunden und Therapeut*innen vor, während und nach der Transition ist nicht zu unterschätzen. (Symbolbild: © unsplash)

Seit 1989 gibt es das Beratungs- und Therapiezentrum (BTZ) in der List in Hannover. Fünf Mitarbeiter*innen sind hier, seit über 20 Jahren, für die transspezifische Beratung und Begleitung zuständig. Sylvia Vauth ist eine von ihnen. Sie ist Sozialpädagogin und ausgebildete Sexual-, Trauma- und Musiktherapeutin. Außerdem ist sie Gutachterin bei Gericht, wenn Personenstandsänderungen verhandelt werden müssen.
Eine Transberatung bietet Klient*innen die Möglichkeit, vorurteilsfrei und ergebnisoffen, über Gedanken und Herausforderungen in Bezug auf die Geschlechteridentität zu sprechen und Lösungsansätze zu entwickeln. Die Schwierigkeiten der Klient*innen können physischer Natur sein, meistens sind es: die tiefe Stimme, der fehlende Bartwuchs oder die Menstruation. Auch psychische Belastungen, wie Ängste, Unsicherheiten und Nervosität bezüglich des bevorstehenden Coming Outs, Diskriminierungen oder gar Mobbingerfahrungen in/auf der Arbeit, Schule und Beruf sind keine Seltenheit. Die Ratsuchenden sollen auf dem Weg nach einem für sie stimmigen, individuellen Lebensentwurf professionell unterstützt werden. Das BTZ ist Ansprechpartner, wenn es um Informationen zu Namens- und Personenstandsänderungen, medizinischen Maßnahmen oder der Vermittlung von trans*freundlichen Fachkräften geht. Die Lebensberatungsstelle ist aber nicht für die Hormonindikation zuständig. Die Therapeut*innen arbeiten eng mit spezialisierten Mediziner*innen zusammen, mit denen sie während des gesamten Therapieprozesses in regem Austausch stehen.

Trend trans*?!
„Am Anfang, also zum Beginn der 2000er, hatten wir vielleicht zwei bis drei Fälle im Jahr“, erinnert sich Sylvia Vauth. In den letzten Jahren verzeichnete das BTZ aber „enorme Sprünge und Veränderungen“ im Bereich der Transidentität. Mehr als 130 Klient*innen nahmen im Jahr 2020 die Hilfe des BTZ in Anspruch.
Sylvia Vauth überrascht das nicht. Schließlich habe eine Entpathologisierung im medizinischen Bereich stattgefunden. Auch in den Medien, wie in Büchern, Filmen und im Fernsehen, sei das Thema trans* zusehends kein Tabu mehr. Zum Beispiel der Film „The Danish Girl“ habe im Jahr 2016 viele Preise gewonnen. Eddie Redmayne verkörpert in ihm die wahre Geschichte des Einar Wegener. Als seine Ehefrau, eine Künstlerin, ihn bittet, für eines ihrer Bilder als Frau Modell zu stehen, entwickelt sich in Einar langsam der Wunsch, künftig für immer als Frau zu leben.

In den sozialen Medien hätten besonders junge Menschen schneller mit der LGBTQIA+-Community Kontakt und die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten zu kommunizieren. Trotzdem empfindet Sylvia Vauth die Entwicklung „besorgniserregend“. Sie habe auch einige Fälle gehabt, in denen Teenager durch vermeintliche Freunde zu einer Transition gedrängt worden seien oder geglaubt haben, sie würden so zu etwas „Besonderem“ werden.

Biographie und nicht Symptom
„Die Schwierigkeit der Transberatung liegt darin, trans* zu diagnostizieren, dafür gibt es zu wenig feste Merkmale“, erklärt Sylvia Vauth. Lange Zeit habe man trans* als Geschlechteridentifikationsstörung und Geschlechtsdysphorie wahrgenommen und in den Bereich der Sexualtherapie eingeordnet. Heute werde von Geschlechtsinkongurenz gesprochen – das biologische Geschlecht und die Geschlechteridentität passen nicht zusammen. „Trans* ist keine Krankheit“, stellt sie klar. „Nur weil ein kleiner Junge gern mit Puppen spielt, oder mal Prinzessin sein will, ist er nicht direkt trans*!“ Das sei eher ein Teil der eigenen Biografie und kein Symptom. Viele würden sich für eine Transition entscheiden, da ihrer Meinung nach, dass biologische Geschlecht und die Geschlechteridentität vermeintlich optisch zusammenpassen müssten. „Früher ging das gar nicht.“ Damals sei man viel mehr gefordert gewesen mit dem bestehenden Umgang zu finden: „Durch die heutigen Entwicklungen ist der Gedanke da, dass man sein Geschlecht und seinen Körper modifizieren kann“, findet Sylvia Vauth. Manchmal reiche es schon, sich von den stereotypischen Geschlechterrollen zu lösen.

„Der Weg [einer Transition] ist nicht einfach und teilweise sehr steinig.“

Sylvia Vauth

Mit allen Klient*innen betrachtet und analysiert Sylvia Vauth die biographische und psychosexuelle Entwicklung. Das erfordert viel Vertrauen, Fingerspitzengefühl und vor allem Zeit. Transidentität ist eine Verlaufsdiagnose: „Das kann man nicht nach einer Sitzung feststellen – höchstens annehmen.“ Gemeinsam werde überlegt, welche Veränderungen nötig seien, damit sich die Klient*innen wieder wohl in der eigenen Haut und Umgebung fühlen und glücklich und zufrieden sein können. Dabei heißt es für Sylvia Vauth: „Je weniger Veränderungen umso besser.“ Eine Transition sei daher eher der letzte Weg. Es gibt aber auch Klient*innen, die einen so intensiven Leidensdruck verspüren, der nur durch körperliche Maßnahmen abwendbar zu sein scheint. Eine Transition ist eine tiefgreifende Veränderung. Die Operationen sind große und schwere Eingriffe, das sollte den Klient*innen vorab bewusst sein: „Der Weg ist nicht einfach und teilweise sehr steinig.“ Ist die Entscheidung einmal getroffen, oder die Transition gar abgeschlossen, sollte die Beratung trotzdem nicht enden. Eine Begleitung und Stabilisierung im Alltag, dem Berufsleben und dem Umgang mit Familie, Freunden und Partner*innen sei weiterhin nötig und geboten. Besonders wenn sich die Klient*innen frei abseits der vertrauten Umgebung in Bereichen, in denen dem Thema trans* mit Ablehnung oder Unkenntnis begegnet wird, bewegen.

Nele
Der Einfluss, den die Transtherapie für die Entscheidung für eine Transition hat, ist nicht zu unterschätzen. Das erlebte auch Nele. Ihre Brüste und weiblichen Rundungen habe sie gehasst. Zudem habe sie an Depressionen und einer Essstörung gelitten. In Internet sei sie auf den Begriff Transgender und Erfahrungsberichte von Transitionen gestoßen und entdeckte Gemeinsamkeiten. „Ich dachte ich bin ein Transmann“, erzählt sie im fluter, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Diese Diagnose stellte auch ein Psychotherapeut – nach Neles erstem Besuch bei ihm. Nach einem halben Jahr beginnt sie mit der Hormonbehandlung. Aus Nele wird Peer. Mastektomie, Personenstandsänderung und Penisattrappe folgen. Nach vielen Gesprächen mit ihrem Partner Elliot stellte Nele fest: „Ich dachte ich bin im falschen Körper geboren. Aber es ist die Gesellschaft, nicht die Biologie, die einen Menschen zu einer Frau, zu einem Mann oder zu einer Transgender-Person macht.“ Vor einem Jahr beginnt sie mit der Detransition; statt Testosteron nimmt sie nun Östrogene. Ihrem damaligen Therapeuten macht sie heute einen schweren Vorwurf. Zu Beginn der Therapie habe sie Suizidgedanken gehabt und selbstverletzendes Verhalten gezeigt: „Ich war gar nicht in der Lage eine derart weitreichende Entscheidung, wie eine Transition, zu treffen.“ Dem stimmt der Diplom-Psychologe Jan Ilhan Kizilhan zu: „Zuerst muss man die Störungen behandeln und den Patienten stabilisieren. Dann kann man sehen, wie es weitergeht.“

Neles ehemaliger Therapeut verfolgte damals den so genannten affirmativen (lat. affirmare, bekräftigen, bestärken) Ansatz. Bei dem wird davon ausgegangen, dass durch eine Transition die Depressionen, Essstörungen oder andere psychische Probleme der Klient*innen weichen. Der Transitionswunsch soll dabei von Anfang an nicht hinterfragt oder beurteilt, sondern bejaht und unterstützt werden. Dies soll den Leidensdruck der Patient*innen mindern. Sylvia Vauth agiert ähnlich: Eine Patientin könne beispielsweise depressiv sein, weil sie Probleme mit ihrer hohen Stimme, oder ihrem großen Brustumfang habe. Da könne eine Hormonbehandlung, sprich eine Transition, helfen. „Ich versuche immer alles, sowohl das Eine als auch das Andere, gleichzeitig zu behandeln. Nicht eins nach dem Anderem“, erklärt sie.

Für Sylvia Vauth ist es das Wichtigste, den Leidensdruck ihrer Klient*innen so schnell wie möglich zu mindern.
(Symbolbild: © unsplash)

Die Zukunft der Transberatung
„Langsam kommen wir an unsere Grenzen“, stellt Sylvia Vauth fest. Als gemeinnütziger Träger fehlt es dem BTZ aktuell vor allem an Fördergeldern. Im vergangenen Jahr hatte die Kommunalverwaltung der Stadt Hannover die Zuschüsse für das QNN, Queeres Netzwerk Niedersachsen, gestrichen: „Das war für uns alle ein Schock, werden wir die Nächsten sein?“ Neben Geld fehlen aber auch Mitarbeiter*innen. Das BTZ könne nicht mehr alle transspezifischen Anfragen beantworten und müsste diese an andere Beratungsstellen, wie den andersraum, in der Region Hannover verweisen. „Lange Wartezeiten verstärken den Leidensdruck, die Klient*innen wollen ja auch irgendwann mit der Transition beginnen.“
Für die Zukunft wünscht sich Sylvia Vauth, dass trans* in allen Bereichen der Gesellschaft seinen Platz findet und anerkannt wird. Optimierungsbedarf sieht sie vor allem bei der Geschlechtsbezeichnung divers. Dieser sei vor allem für Intersexuelle gedacht, auch wenn er oft von transidentitären Personen benutzt werde. „Wir haben viele Geschlechter, auch wenn Personen sich als nonbinär (weder eindeutig männlich noch weiblich) bezeichnen. Meiner Meinung nach, gibt es das nicht, wir sollten ihnen helfen, Wörter für ihr Geschlecht zu finden.“ Doch dafür müsste auch das Einteilen in nur zwei Geschlechter aufhören. „Geschlechteridentität ist ein unglaublich tiefes Thema der Menschheit; es wäre ein Weltwunder, wenn das binäre Denken aufgelöst werden würde“, findet Sylvia Vauth. Doch bis dahin sei es leider noch ein langer Weg.

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