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Trampen: Daumen raus oder Daumen runter?

Nele Kolf trampte unter anderem schon in Kanada, auf Neuseeland und von Deutschland nach Italien. Ihr Vertrauen in die Welt brachte sie nicht nur an beliebte Reisezeile, sondern bescherte ihr auch eine gefährliche Fahrt in fünf Meter Tiefe. Sie war gerade einmal 18 Jahre alt, als sie das erste Mal in das Auto eines Fremden stieg. Trotz ihres Unfalls findet Nele, Deutsche haben bei dem Thema „einen Stock im Arsch“.

Ein Quäntchen Glück

Nele beim Trampen in Griechenland (Foto: © Andreas D. )

Das erste Mal trampt die 25-Jährige zusammen mit einer Gruppe auf Neuseeland. Aber auch wenn sie alleine reist, stellt Nele sich an den Straßenrand und hofft auf eine Mitfahrgelegenheit. Entweder so – oder sie nutzt die Gunst der Stunde.

„Wir standen gerade im Stau“, erinnert sich die gelernte Friseurin. Sie unterhält sich mit dem Fahrer und es stellt sich heraus, dass er sie nicht bis ganz an Küste Neuseelands bringen könne. Nele muss sich schnell einen neuen Fahrer suchen.

Gut, dass zu diesem Zeitpunkt alle Autos stillstehen. So muss die Abenteuerin immerhin niemanden mehr anhalten. Kurzerhand lässt sie ihren Rucksack im Auto zurück, steigt aus und geht zwischen den PKWs entlang. „Ich habe mir mehrere Autos anguckt und dann irgendjemanden gefragt, ob er mich dorthin bringen kann. Es hat tatsächlich auch direkt geklappt.“, erzählt Nele. Sie holt ihre Sachen aus dem anderen Auto und steigt bei einem älteren Mann mit grauem Haar und Falten ein. „Genau in dem Moment, in dem ich eingestiegen bin, ging es weiter. Der Stau hat sich plötzlich in Luft aufgelöst.“

„Ich habe einfach darauf vertraut, dass nichts passiert“

Gerade einmal volljährig und schon steigt die Backpackerin bei Fremden ins Auto. Das hat nicht allen gefallen: „Meine Oma, die war immer so: ‚Oh Gott Nele – Tu so was nicht! Hast du keine Angst? Ich höre hier ständig nur Horrorgeschichten.’“ Damit hat sie nicht ganz Unrecht. Immer wieder berichten Medien von Übergriffen auf Reisende.

Für Nele ist das kein Grund zur Panik. „Ich habe mich wirklich nie mit dem Gedanken befasst, dass mir etwas passieren könnte. Ich habe einfach vertraut und mein Leben in die Hände des Universums gegeben“, sagt sie.

Das soll jedoch nicht heißen, dass die Reiselustige sofort in jedes haltende Auto einsteigt. Das Wichtigste ist für sie: „Hör auf deinen Bauch! Hast du ein gutes Gefühl bei der Person, die anhält oder nicht?“ Damit ist sie immer „gut gefahren“.

Aus den Autositzen werden häufig Betten

Ihre Reisen hat Nele auf Fotos festgehalten. (Foto: © Anita Stall)

Jedes Mal entwickeln sich nette Gespräche mit den Fahrern. „Die wollen ja auch etwas von dir erfahren, sonst würden sie nicht anhalten.“ In ihren Augen habe jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen. Auch wenn sie meistens nur einige Stunden mit den Fahrern teilt, reicht das für Nele aus, um zu wissen, wie sie ticken. Bei ihrer letzten Tramp-Reise nach Italien, vor zwei Jahren, steigt sie alleine bei zwei Männern ins Auto. Als sie ihnen erzählt, dass sie noch keinen Schlafplatz habe, bekommt Nele ein verlockendes Angebot. „Die haben mich mit in ihr Hotelzimmer geschmuggelt. Dann konnte ich bei denen auf dem Boden schlafen, mit meinem Schlafsack.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Nele bei Unbekannten übernachtet.

Neles Unfall: Ein Ride in fünf Meter Tiefe

Jedoch hat sie beim Trampen nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Einer ihrer Fahrer baut einen Unfall und alle Insassen stürzen in die Tiefe. „Es hat in Strömen geregnet. Wir sind bei dem eingestiegen, weil wir schon länger gewartet haben.“ Wie Nele und ihre Freundin während der Fahrt erfahren, hat der Mann schon eine lange Reise hinter sich. Er ist von Australien nach Neuseeland geflogen. Direkt im Anschluss fährt er von Christchurch (Neuseeland) mit dem Auto weiter über Blenheim, Nelson und Greymouth. Sein Ziel ist die Stadt Queenstown. Für diese Strecke braucht man im Normalfall mit dem Auto über 16 Stunden.

Die rote Linie zeigt die Route des Fahrers. (Foto: © TUBS, Route selbst eingezeichnet)

„Er hatte nicht geschlafen, wenig gegessen und wollte komplett durchmachen – bis er an seinem Ziel ankommt“, erinnert sich Nele zurück. Als er sie und ihre Freundin in Greymouth mitnimmt, hat er bereits über die Hälfte der Strecke hinter sich. „Der Typ ist fast eingeschlafen. Der war wirklich nicht mehr bei der Sache.“ Das kommt den beiden komisch vor und sie sprechen ihn darauf an. Ihre Empfehlung, eine Pause zu machen, winkte der jedoch nur ab.

Die Straße ist kurvenreich und eng. „Man musste immer an den Ecken warten, um den Verkehr durchzulassen.“ Das ist jedoch kein Grund für den Fahrer mal „einen Gang runterzuschalten“ und langsamer zu fahren – ganz im Gegenteil. „Ich habe mich innerlich schon an den Felsen klatschen gesehen.“ An einer besonders engen Stelle, am Franz Joesph Gletscher, ist es so weit: Der Fahrer verliert die Kontrolle über sein Auto und gerät ins Schleudern. „Dann sind wir abgerutscht in – ich weiß nicht – fünf Meter Tiefe, sieben Meter Tiefe. Du guckst aus dem Fenster und plötzlich dreht sich alles. Es ging bergab und wir haben uns drei Mal überschlagen.“ Gestoppt wird das Auto von zwei Baumstämmen, die Schlimmeres verhindern.

Von der Straße aus ist das Auto kaum sichtbar. (Foto: © Nele Kolf)

„Meine Freundin hat sofort reagiert. Sie hat das Fenster runtergekurbelt und ist raus ins Freie.“ Sie klettert den Berg hoch, um Hilfe zu holen. „Ich habe mich dann um den Fahrer gekümmert, weil der auf der Seite lag“, erzählt Nele. Auch sie entkommen durch ein Fenster und steigen den Berg hoch – bis sie wieder auf der Straße sind. „Als ich dann oben war habe ich einfach geschrien, gesungen, getanzt. Da war so ein Sonnenstrahl und er hat mir wieder Leben eingehaucht.“, erinnert sich die Blondine. „Meine Freundin war weiß im Gesicht.“ Auch beim Fahrer sitzt der Schock tief. Jetzt ist er definitiv wach.

Die nächsten zwei Wochen steigen die beiden Tramperinnen in kein Auto mehr ein. Doch dann geben sie sich einen Ruck und stellen sich ihrer Angst. „Wir wurden von zwei japanischen Damen mitgenommen. Die sind zwanzig gefahren, wo man fünfzig fahren durfte.“ Dieser Volltreffer bringt sie und ihre Freundin nicht nur an ihr nächstes Ziel, sondern sorgt auch dafür, dass sie ihr Vertrauen in die Welt zurückgewinnen.

Trampen als Frau: Fluch oder Segen?

In ihrem Geschlecht sieht Nele einen Vorteil: „Als Frau wirst du eher mitgenommen, weil du nicht als kriminell angesehen wirst.“ Länger als eine Stunde steht die Tramperin nie am Straßenrand. Am schwierigsten war es für sie, aus Hannover wegzukommen. „Deutschland hat einen Stock im Arsch“ ist ihre Begründung dafür.

„Jeder ist in seiner eigenen, kleinen Welt und will am liebsten nicht interrupted werden. Die Blase soll nicht platzen. Es ist schwieriger wahrgenommen zu werden, weil jeder in Deutschland Scheuklappen vor den Augen hat.“

Beim Trampen ist sie nicht ein einziges Mal Opfer von Überfällen, Gewalt oder sexueller Belästigung geworden. Auf den Wunsch ihrer Mutter hin, nimmt Nele ein Pfefferspray mit auf Reisen. Sie selbst glaubt jedoch nicht, jemals eine Waffe benutzen zu müssen. „Ein Messer habe ich eigentlich immer dabei, aber nicht um mich zu verteidigen, sondern um meinen Apfel zu schneiden.“


Text: Anita Stall

Fotos: Anita Stall, Nele Kolf, Andreas D. und TUBS (Route selbst eingezeichnet)


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Drag Queen: Wenn Manuel zu Amber wird

Anfangs erweckte Manuel* seine Drag-Persona „Amber“ nur an Karneval oder Halloween zum Leben, um nicht aufzufallen. Heute steht er dazu, eine Drag Queen zu sein – nur vor seiner Familie wahrt er das Geheimnis. Im Interview gibt er mir private Einblicke in sein Leben.

Fünf Stunden für den „Magic Moment“

Manuel (24) macht Drag seitdem er 16 Jahre alt ist. (Foto: © Arne)

„Ich war früher sehr fasziniert von dem Charakter einer starken, schwarzen Frau. Meine Mutter oder meine große Schwester waren ein Vorbild für mich. Schon in meiner Kindheit war ich ein sehr großer Sailor-Moon-Fan. Da gab es immer diese Transformations-Scene, wenn sich das Schulmädchen in ihre magische Person verwandelt. Mit Drag kann ich das auch einfach machen.

Ich fange damit an, dass ich gucke wie ich meine Unterhose am besten trage, dass die Beule weg ist. Es gibt Drag Queens, die sich den Penis nach hinten ziehen und die Hoden kommen dann in die Bauchdecke rein. Das ist unangenehm – vor allem, weil man nicht auf Toilette gehen kann. Dann kommt die erste Strumpfhose mit den Pads. Die kommen dann an die Hüfte mit bestimmt – lass mich nicht lügen – sechs weiteren Strumpfhosen drüber. Danach ziehe ich noch Shapewear an. Dann kommen meine Implantate. Das sind wirklich solche Silikonimplantate. Ich sehe meine Dragpersona nicht mit einem riesigen Vorbau. Sie hat eigentlich A – also einen ganz kleinen Vorbau.

Durch das Tapen nimmt Manuels Gesicht eine weiblichere Form an. (Foto: © Nele Schröder)

Ich mache das nicht mehr, dass ich meine Augenbrauen weg klebe. Ich habe jetzt eine andere Methode herausgefunden: Ich nehme meine Haut und ziehe sie nach oben – wie so eine Art Lifting. Dann nehme ich medizinisches Tape und klebe das alles an meiner Perückenkappe fest.

Wenn ich mich beeile, kriege ich es in drei bis vier Stunden hin. Wenn ich mir wirklich Zeit nehme, sind das fünf Stunden. Sobald ich mein Make-Up drauf habe und eine Perücke aufsetzte, wäre es ganz cool, mich Amber zu nennen. Es ist tatsächlich auch ein No-Go für alle Drag Queens, sie dann mit ihrem Boy-Namen anzusprechen. Man hat sich nicht umsonst so viel Arbeit gemacht.

Drag als Puzzleteil

„Ich bin homosexuell – definitiv. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich Drag mache. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe“ (Foto: © Nele Schröder)

Es ist mein „Safespace“. Dort hole ich meine ganze Energie her. Wenn ich in meine Persona schlüpfe, bin ich sehr selbstsicher. Mich kann dann niemand so leicht verletzten. Ich fühle mich besser, wenn ich Make-Up drauf habe, aber nicht um mein Gesicht hinter einer Maske zu verstecken.

Die letzten Events, bei denen ich gewesen bin waren bei der „Schwulen Sau“. Zum Beispiel das Karaoke Imperium: Da habe ich in Drag Karaoke-Songs runtergeträllert.

Wichtig ist, dass man sich nicht selbst verliert, dass man sich nicht nur stark und selbstsicher als Amber fühlt, sondern das übernimmt, wenn man kein Drag macht. Damit die „normale“ Person nicht verkümmert. Viele Drag Queens lieben sich erst, wenn sie in ihre Persona schlüpfen und das ist nicht gesund. Du als Mensch bist liebenswert.

Amber kann sich nicht überall zeigen

„Ich finde, Make-Up ist wie eine Art Kunst“ (Foto: © Manuel)

Meine Familie weiß von meinem Drag tatsächlich gar nichts. Meine Mutter würde es nicht so okay finden. Sie ist streng gläubig. Das wäre das Werk des Satans. Ich halte von dem katholischen Glauben recht wenig. Die Bibel an sich finde ich eher cool als Leitwerk, aber nicht als Regelwerk. Meine Freunde feiern mich immer, wenn ich Drag mache. Die ersten Reaktionen waren: „Wow, richtig cool“. Mein Chef wird mich deswegen nicht zur Rede stellen – so offen ist die Agentur. Ich merke aber schon, dass das eher ignoriert, als gut geheißen wird.

Die Lokal-Drags brauchen mehr Support

Ich glaube die echten Drag Queens in Hannnover kann man mit zwei Händen abzählen. Das wäre ein Mal die liebe Disko Jutta, Donna Weather und Cici Cottage – die Hausdame der „Schwulen Sau“. Dann kommt noch Pearl Fection. Das ist auch meine Drag-Mutter. Es ist wichtig, dass die lokalen Drag Queens etwas mehr Popularität bekommen. Alle sind nur so: „Juhu – RuPaul’s Drag Race“. Aber die lokalen Queens bekommen nicht so viel Aufmerksamkeit.“

* Nachname aus Gründen der Anonymität nicht genannt


Text: Anita Stall

Fotos: Arne (Instagram @arne235) & Nele Schröder (Instagram @llivenletdie)

Mehr Bilder von Amber und Manuel gibt es auf Manuels Instagram-Account zu sehen.


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Night of Light: Ein Hilferuf der Veranstaltungsbranche

Mit der Aktion „Night of Light 2020“ macht die Veranstaltungsbranche darauf aufmerksam, dass sie dringend mehr Unterstützung vom Staat in der Corona-Krise braucht. Deshalb wurden in der Nacht vom 22.06 – 23.06.2020 deutschlandweit zahlreiche Veranstaltungsorte rot erleuchtet.

Night of Light 2020: Neues Rathaus in Hannover rot illuminiert (Foto: © Anita Stall)
Night of Light 2020: Neues Rathaus in Hannover rot illuminiert (Foto: © Anita Stall)
Warum Hilfe benötigt wird

Die bisherigen Überbrückungshilfen, in Form von Kreditprogrammen, dürfen nur für gewerbliche Zwecke genutzt werden und decken gerade einmal einen Teil der laufenden Kosten. Die fehlenden Einnahmen und damit auch die Lebenserhaltungskosten der Selbstständigen dürfen mit diesem Geld nicht ausgeglichen werden. „Es gibt Bundesländer die das gut hinbekommen, aber es gibt auch viele, bei denen es schlecht läuft. Unter anderem schneidet Niedersachsen sehr schlecht ab. Die NBank hat leider komplett versagt mit Serverabstürzen und viel zu späten Anträgen. Das heißt, es waren Leute schon über einen Monat komplett arbeitslos und erst dann hatte man die Möglichkeit auf den Antrag. Danach musste man immer noch vier bis sechs Wochen warten, bis man überhaupt das Geld bekommen hat – ohne irgendeine Rückmeldung zwischendurch, ob man angenommen wurde oder nicht“, sagt Luka Weppner. Als Solo-Selbstständiger Tontechniker ist er einer von einer Millionen Beschäftigten in Deutschland, die von der Lage betroffen sind. Viele Firmen beteiligen sich nun an der Non-Profit-Aktion „Night of Light 2020“ und helfen bei der Organisation und Realisation des Projektes um ein Zeichen zu setzen.

„Die nächsten 100 Tage überlebt die Veranstaltungswirtschaft nicht.“

– Aussage der Veranstalter von „Night of Light“

Vor allem kleine Betriebe und Solo-Selbstständige fühlen sich im Stich gelassen. Sie können nicht überleben, solange es keine Einnahmen gibt. Seit dem 10. März kommen kaum noch neue Aufträge für Bühnenbauer, Licht- und Tontechniker rein. Das wird dank des Verbotes von Großveranstaltungen voraussichtlich bis Ende Oktober auch so blieben. Doch selbst die meisten Veranstaltungen danach wurden schon lange abgesagt. Vermutlich weil kaum ein Veranstalter das Risiko eingehen möchte, dass das Verbot verlängert wird und sie auf ihrem Geld sitzen bleiben. Doch auch wenn wieder Veranstaltungen im großen Maße stattfinden können, ist eine angespannte Lage in der Branche weiterhin denkbar: „Entweder es geht extrem ins Positive und wir alle können unseren Tagessatz erhöhen oder es geht genau in die andere Richtung, dass viele Selbstständige um die Jobs kämpfen und mit Preisdumping anfangen“, so Weppner.

Um sich über Wasser zu halten ist auch der Verkauf des Equipments der Veranstaltungstechniker keine Lösung. „Das ist ein Teufelskreis. Die Leute, die daran Interesse haben Equipment zu kaufen sind andere Veranstaltungsfirmen. Die haben aber aktuell auch kein Geld. Dementsprechend müsste man es für einen Preis anbieten, der unter dem Marktwert ist“, erklärt Luka Weppner. „Wenn es dann wieder los geht, steht man da ohne sein Equipment und kriegt eventuell nicht die Jobs, die man hätte bekommen können.“


197.000

Direkt betroffene Arbeitsplätze

130 Mrd. € 

Jährlicher Umsatz außerhalb der Corona-Krise

80-100 %

Umsatzausfall


Was jeder von uns tun kann

„Night of Light 2020“ zielt vor allem auf mediale Aufmerksamkeit ab. Die Veranstalter rufen auf ihrer Seite zum Teilen der Aktion auf Social Media Plattformen unter dem Hashtag #nightoflight2020 auf. Sie bitten um ein Zeichen der Solidarität und natürlich auch die erhoffte Hilfe vom Staat. Sie traf die Corona-Krise als erstes und sie werden auch die letzten sein, die unter der aktuellen Lage leiden – und daran zu Grunde gehen wenn jetzt keine Hilfe kommt.

Text und Foto: Anita Stall


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Corona-Krise: Aktuelle Lage in drei Berufsfeldern — FREI Magazin

Kurzarbeit und fehlender Umsatz: Viele Jobs trifft die Corona-Krise hart. Wir haben uns mit zwei Betroffenen aus der Stahl- und Textilbranche unterhalten und beim Handelsverband NRW nachgefragt: Was hat sich im Einzelhandel, nach der Aufhebung der 800 qm-Grenze, getan?

Corona-Krise: Aktuelle Lage in drei Berufsfeldern — FREI Magazin

Freiheit zum Widerstand

Es ist der 27.Juni 1969, als Henry die dunkle Straße entlang läuft. Die Straßenlaternen am Wegrand leuchten nur schwach. Doch der Dreck, den die New Yoker tagsüber verteilen ist nicht zu übersehen: Überall festgetretene Kaugummis und zerknüllte Papiertüten am Boden der Christopher Street. Als Henry hochblickt, erkennt er eine Leuchttafel. Die rote Schrift flackert. „Stonewall Inn“ steht dort in großen Buchstaben geschrieben.

Foto: © Flickr/ Travis Wise

Henry drückt die Klinke runter und öffnet die Tür. Ihm kommt der Geruch von Bier und Zigarettenrauch entgegen. Es ist laut. Viele Menschen reden durcheinander. Er drängelt sich durch Menge, bis er an der Theke ankommt. Mit dem Blick in Richtung Barkeeper legt er einen Arm auf den klebrigen Tresen. Jemand klopft ihm auf die Schulter. „Henry – na endlich! Auch `n Bier?“ Er dreht den Kopf um. Es ist James. Henrys Blick wandert direkt auf seine rot geschminkten Lippen. Er muss lächeln und gibt ihm einen kurzen Kuss. „Du kennst mich zu gut!“ Plötzlich spürt Henry, wie eine Hand fest seinen Arm packt. „Den Ausweis – sofort!“ schreit ihn ein dicker Mann in Polizeiuniform an. James schaut zu Henry und reißt die Augen auf. „Ist etwas nicht in Ordnung, Officer?“ – „Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Frech werden Sie jetzt also auch noch. Sie sind festgenommen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Umdrehen und Hände auf den Rücken!“ brüllt er so laut, dass mehrere Tropfen seiner Spucke direkt in Henrys Gesicht landen. Für einen kurzen Moment wird es still in der Bar. Alle starren mit offenem Mund auf den Polizeibeamten, der die Handschellen öffnet, um sie Henry umzulegen. Im nächsten Moment rennt ein Mann aus dem Pulk hervor und rammt mit seiner Schulter den Polizist. „Gay Power!“, hallt es durch die Bar und weitere Männer setzten zum Angriff an. Immer wieder brüllen sie: „Gay Power, Gay Power, Gay Power!“, als fünf weitere Polizisten angestürmt kommen. Zwei von ihnen packen Henry links und rechts am Oberarm und drücken ihn zu Boden. Sein Gesicht prallt auf den harten, kalten Fliesenboden. Eine Hand drückt sein Gesicht zur Seite und ihm werden Handschellen angelegt. Ein lautes Klirren erfolgt. Die ersten Glasflaschen fliegen über die Köpfe des Pulks hinweg, in Richtung der Polizisten. Ihre Scherben verteilen sich beim Aufprall über den ganzen Boden. „Gay Power!“ stimmt jetzt auch Henry ein, als der Beamte ihn hochzieht und in Richtung des Ausgangs, durch die pöbelnde Menge schiebt. Die anderen Polizisten prügeln mit Schlagstöcken auf die restlichen Männer ein. James bekommt einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Dann noch einen und noch einen. Beim dritten Schlag spritzt ihm Blut aus der Nase. Er öffnet den Mund soweit er kann und schreit „Gay Pride!“ So laut, dass die pulsierenden Adern an seinem Hals sichtbar werden.


Der Text basiert auf einer wahren Begebenheit: dem Stonewall-Aufstand. Jedes Jahr gehen mehrere hunderttausend Menschen beim Christopher Street Day auf die Straße, um diesem Ereignis zu gedenken. Es ist meine Antwort auf die Frage „Was bedeutet Freiheit für dich?“ Denn, für die Freiheit die ich heute als Frau genieße, mussten vor mir Menschen kämpfen: Für das Recht die Schule zu besuchen, das gleiche Geschlecht heiraten zu dürfen, verreisen zu können – ohne meinen Ehemann um Erlaubnis zu bitten. Die Freiheit, dass ich auf der Straße laut „Nein!“ schreien kann, wenn mir danach ist. Dafür, dass ich bei den Wahlen mein Kreuz setzten kann, mein eigenes Geld verdiene – und auch frei darüber verfügen darf. Ich möchte nie vergessen, dass vor mir Menschen für meine Freiheit bluten mussten. Sie waren nicht frei – viele sind es bis heute nicht. Ich nehme mir das Recht, aufzustehen und zu protestieren, wenn mir jemand meine Freiheit nimmt. Denn dafür muss man kämpfen und mutig sein. Das war schon immer so.

*Alle Personen sind frei erfunden

Text: Anita Stall II Foto: Flickr/ Travis Wise


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Vintage Lifestyle: Diese Amerikanerin lebt, als wenn es 1958 wäre

In Laci Fays Leben dreht sich alles um die 50er-Jahre. Das Haus verlässt sie nur im perfekten Vintage-Look: Von den Haaren, über das Make-Up bis hin zur Kleidung.

Diese Vorliebe verdankt die Amerikanerin ihren Großeltern: „Ihre Geschichten hören sich an, als wenn es die beste Zeit war. Alles ist wunderschön, farbenfroh und optimistisch“, erzählt sie in einem Video von In The Know. „Als ich das erste Mal meinen 1958er-Look getragen habe – mit gemachten Haaren und Make-Up – habe ich mich endlich wie ich gefühlt“, heißt es weiter. Von diesem Tag an gestaltet Laci Fay ihr Leben so, als wenn es in einer anderen Zeit spielt. Sogar die Einrichtung ihres Hauses und den Vorgarten hält sie im 50er-Jahre-Stil. „Ich wollte es nicht wie ein Museum aussehen lassen. Es sollte aussehen, wie ein authentisches Zuhause“, berichtet sie außerdem in dem Video. Für ihren Sohn Conner ist das Ganze schon zur Normalität geworden. Nur in seinem Zimmer will er nichts von den 1950ern sehen und gestaltet es nach seiner eigenen Vorstellung. Zusammen mit ihrem Mann Dane, ihrem Sohn und drei Katzen wohnt Laci Fray in einer Kleinstadt in den Vereinigten Staaten. Dass ihre Familie anders lebt, als die meisten stört Laci Fay nicht: „Ich denke, jeder ist auf seine eigene Art komisch, jeder ist ein Nerd bei irgendwas“.

Auf ihrem Youtube-Kanal gibt die Geschäftsführerin einer Kinokette Einblicke in ihr Vintage-Leben. Dort präsentiert sie auch ihren Kleiderschrank, in dem natürlich viele feminine Kleider und schwingende Röcke hängen. Außerdem verrät die Amerikanerin Tipps fürs Shoppen in Second Hand Läden und dreht Haar- und Make-Up Tutorials. Die Videos der „Fiftys-Lady“ erfreuen sich großer Beliebtheit, auch wenn sie die im Jahre 1958 sicher noch nicht auf Youtube hätte veröffentlichen können.

Text: Anita Stall


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About me: Das Gesicht hinter den Faces

Immer wieder lerne ich Menschen kennen, dessen Geschichte, Art oder Denkweise ich fantastisch und außergewöhnlich finde. „Schade nur, dass das nicht jeder hören kann“, dachte ich immer – bis jetzt.

Foto: © V. B.

Als Kind war Karla Kolumna, die rasende Reporterin, meine Heldin. Doch das hat sich später – wenn auch nur ein kleines bisschen – verändert. Denn, mit der Zeit konnte ich mich schon eher mit der verpeilten und lustigen Art der Reporterin Bridget Jones identifizieren. Auch ich bin hin und wieder Meisterin für peinliche Situationen.

Aber weil in meinem Leben kein Platz für sprechende Elefanten und Männer wie Daniel Cleaver ist, habe ich mich dazu entschlossen, Journalistik zu studieren. Und so schlage ich mich durch Hannovers Großstadt-Dschungel, mit dem Blick auf die Früchte der Persönlichkeit: Individualität.


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„Leere Wände schaffen Raum für Fantasie!“

Mit so wenig wie nur möglich, das eigene Leben erfüllen. Dieses Ziel steht vor allem für eins: Minimalismus. Jasmin Mittag lebt danach und erzählt von dem außergewöhnlichen Lebensstil.

So schlicht und einfach wie sie ihr Leben hält, kleidet sie sich auch. Jasmin Mittag trägt ein schwarzes Kleid mit einer kleinen Kette, als sie lächelnd ihr Lieblings Café in Hannover betritt. Früher hat sie auf dieser Straße gewohnt und fühlt sich hier sehr wohl. Dass sie bis gerade noch Fahrrad gefahren ist, sieht man der Blondine kaum an. Ihre kurzen, glatten Haare umrahmen ihr leicht gerötetes Gesicht. „Ich war nie ein Fashionvictim.“ erinnert sich die Hannoveranerin. Den minimalistischen Lebensstil hat sie vor vier Jahren für sich entdeckt. Nun ist sie als selbstständige Projektmanagerin tätig und beschäftigt sich unter anderem mit Themen wie Nachhaltigkeit, Minimalismus und Feminismus.

Begonnen hat alles mit dem Umzug in eine Einzimmerwohnung. „Die Kartons waren mit viel mehr Dingen gefüllt, als ich eigentlich glaube zu haben.“ Viele davon boten ihr eine Identifikationsfläche oder waren von emotionaler Bedeutung – bis die Veganerin sich fragt: Was ist wesentlich? Was brauche ich wirklich? Was erfüllt einen Zweck? So löst sie sich nicht nur von Gewohnheiten, sondern auch von Gegenständen.

„Früher dachte ich: Alles was ich habe ist gut. Jetzt habe ich die Einstellung: Alles was ich nicht habe ist gut.“ Für sie ist es eine Erleichterung, sich nicht mit Kaufentscheidungen beschäftigen zu müssen. Es geht ihr nicht darum, gar nicht zu konsumieren, sondern bewusst.

Menschen, die Jasmin Mittag kennen, wissen, dass man ihr am liebsten keine Gegenstände schenkt. Ein Gentleman mit Rosen hat ganz schlechte Karten. Betrübt erzählt sie „Ich mag keine Schnittblumen. Ich finde es nicht okay, dass die Pflanzen getötet werden, damit sich die Menschen für kurze Zeit an ihnen erfreuen.“ Immer wieder spricht sie sich klar gegen die Wegwerfgesellschaft aus. Bei dem Wort „Deko“ läuft ihr sichtlich ein kalter Schauer über den Rücken. Sie muss schmunzeln und lehnt sich zurück. Am schönsten findet die 40-Jährige ihre Wohnung mit möglichst wenig Inhalt. „Leere Wände schaffen Raum für Fantasie!“, sagt sie. Genau das bringt Jasmin Mittag in minimalistischer Objektkunst zum Ausdruck.

Der Kleiderschrank offenbare nur wenige Farben, erzählt die Künstlerin stolz. Vier um genau zu sein: weiß, schwarz, grau und rot. Das Klischee der Minimalistin, die weniger als 100 Gegenstände hat, erfüllt sie jedoch nicht. Dabei ist sie nicht die einzige, das weiß sie genau. „Es ist schon so, dass wir dieses Image mit den 100 Teilen haben. Es gibt natürlich welche, die danach leben, aber in Hannover wirst du wahrscheinlich niemanden finden.“ Aus Überzeugung beteiligt sie sich seit Jahren an der Organisation des Minimalismus-Stammtisches in Hannover. Dort können Minimalisten und Interessierte miteinander über das Aussortieren sprechen. Es ist häufig nicht einfach, diesen Lebensstil mit dem näheren Umfeld zu vereinen. Daher kommen beim Stammtischtreffen auch hilfreiche Tipps nicht zu kurz. „Ich finde es auf jeden Fall total inspirierend, wenn ich mitbekomme, dass sich Menschen von Besitz lösen.“ erzählt die Hannoveranerin mit funkelnden Augen. Diese Inspiration möchte sie auch an andere weitergeben und eröffnet am 18.Februar 2020 ihre Ausstellung zum Projekt „the one thing“, für das sie Menschen mit ihrem wichtigsten Gegenstand porträtiert hat. Auf ihren Lebensstil und ihre Projekte ist die Minimalistin sichtlich stolz. „Das ist mein Leben und meine Mission. Ich wache morgens auf und freue mich des Lebens, dass ich die Dinge tun darf, die ich tue.“

Text: Anita Stall


Das Interview wurde im September 2018 von mir geführt und ist in der Zeitung „Ideenreich“ erschienen.

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