Marty zeigt seinen muskulösen Oberkörper
Lifestyle

„Ich war nicht komplett, ich war nur halb fertig“

Wenn Marty heute in den Spiegel schaut, fühlt er sich frei. Körper und Geist sind im Einklang. Doch das war nicht immer so. Welche Rolle seine Geschlechtsangleichung bei seiner Selbstfindung gespielt hat, erzählt er hier.

„Die Gesellschaft lebt gerne nach Regeln. Jeder Mensch hat unterbewusst ein Schubladendenken – ich auch. Das ist nichts Verwerfliches. Als trans*Mensch bin ich für viele eine Ausnahme. Ich bin jemand, der nicht gut in eine Schublade passt.

Als Kind war mein Lieblingsort das Wasser. Ich liebte das Gefühl, ins kalte Nass zu springen. Schon früh bemerkte ich aber, dass irgendwas nicht stimmte. Wenn ich in Badehose neben meinem kleinen Bruder stand, haben die Erwachsenen mir komische Blicke zugeworfen. Sie sahen ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz, das oberkörperfrei im Wasser plantschte. Damals habe ich nicht verstanden, was daran problematisch oder ungewöhnlich ist. Je älter ich wurde, desto unsicherer wurde ich in meinem Auftreten. Vor allem unter der Dusche und bei Intimität mit einem Partner, konnte ich mich dem nicht entziehen. Ich war zwar physisch da, aber das, was ich sah, hat nicht zusammengepasst mit dem, was und wie ich mich fühlte. Ich war nicht komplett, ich war nur halb fertig. Mir wurde bewusst, dass ich eigentlich ein Mann bin: ein Mann – gefangen in einem weiblichen Körper.

Ein Mann – gefangen in einem weiblichen Körper
In der Oberstufe habe ich mir die Haare kurz schneiden lassen und auch mein Kleidungsstil hat sich verändert. Ich war nun nicht mehr ganz wie die Mädels, aber auch nicht wie die Jungs. Mit jeder kleinen Veränderung fühlte ich mich wohler in meinem Körper. Dann wurde es Zeit, sich bei meiner Familie als Transmann zu outen. Meine Familie hat gemischt auf mein Outing reagiert. Meine Mutter stand von Anfang an hinter mir. Mein Vater hat etwas länger gebraucht, um sich umzugewöhnen. Immer wieder hat er meinen Deadname und die falschen Pronomen benutzt. Auch mein Bruder, der damals zwölf Jahre alt war, hat das nicht ganz verstehen können; er hat sich seine Schwester zurückgewünscht. Jetzt hat er einen großen Bruder und keine große Schwester mehr. Insgesamt bin ich sehr stolz auf meine Familie, sie haben zwar teilweise etwas länger gebraucht, um das Thema zu verstehen, aber sie waren alle gewillt, sich zu informieren und umzudenken. Unser Miteinander als Familie hat sich positiv verändert. Ich glaube das liegt daran, dass ich mich endlich nicht mehr verstellen musste und sie mich so kennengelernt haben, wie ich wirklich bin.

Die Schritte seiner Transition hat Marty auf seinem Instagram-Account dokumentiert. (Foto Mai 2016 ©marstrash)

Mit der Hormonbehandlung konnte ich gar nicht schnell genug beginnen. Ich konnte und wollte nicht mehr in meinem Körper leben, so wie er war. Für mich war das ein Frauenkörper. Ich wollte keine weibliche Stimme, Hüften oder Menstruation mehr. Im Mai 2016 war es endlich so weit. Die Testosteronbehandlung war sehr spannend für mich. Jede Woche habe ich Unterschiede feststellen können. Die Stimme wurde tiefer, Muskelmasse hat sich gebildet und das Fett hat sich verschoben. Mittlerweile gehört das Testosteron zu meinem Alltag. Alle acht Wochen muss ich es mir vom Hausarzt spritzen lassen. Mir ist bewusst, dass ich das mein Leben lang nehmen werde.

Einen Monat mit Testosteron (Bild oben) vs. Zwei Jahre (Bild unten). (Foto: Mai 2018 ©marstrash)

Irgendwas dazwischen
Zu Beginn meiner Transition, bin ich in der Öffentlichkeit nicht zur Toilette gegangen. Ein Kumpel von mir, auch ein Transmann, wurde einmal auf der Herrentoilette von anderen Männern beschimpft und beleidigt. Ich hatte Angst, dass mir dasselbe passieren könnte. Im schlimmsten Fall könnte es sogar zu Handgreiflichkeiten kommen und das wollte ich auf keinen Fall. Auf der Damentoilette habe ich mich aber genauso unwohl und fremd gefühlt und da bestand zudem die Gefahr, dass man rausgeschmissen wird. Ich war irgendwas dazwischen. Und auf die Behindertentoilette konnte ich natürlich auch nicht gehen.

Endlich angekommen?!
Im Laufe der Jahre war die größte Grenze, die ich überwinden musste, mich nicht mehr dafür zu interessieren, was die Gesellschaft über mich denkt. Die Gesellschaft denkt oft schwarzweiß und in Stereotypen: Was ist typisch männlich? Was ist typisch weiblich? Ab wann ist ein Mann ein Mann? Nur weil bestimmte männliche Attribute, wie Muskeln, Bart oder ein Penis, erfüllt werden? Die Geschlechteridentität ist individuell und sollte nicht von der Gesellschaft bestimmt und auferlegt werden.

Nach dem Abitur folgte im September 2017 die geschlechtsangleichende Operation in einer Privatklinik in Potsdam. Ich habe das gleich mit 18 Jahren machen lassen. Mir waren die Operationen sehr wichtig, um ein „kompletter“ Mann zu sein. Normalerweise sind vier einzelne Operationen nötig, aber bei mir wurde alles in einer gemacht: die Mastektomie (chirurgische Entfernung weiblichen Brustgewebes), die Hysterektomie (operativer Eingriff bei dem Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden) und die Phalloplastie (Konstruktion und Rekonstruktion des Penis). Die Operation hat zwölf Stunden gedauert.

Den Sommer 2019 verbringt Marty mit Freunden in Rumänien. (Foto: August 2019 © marstrash)

Durch meine Transition habe ich gelernt, auf meinen inneren Kompass zu hören. Denn am Ende des Tages weiß man selbst am besten, was einen glücklich macht und dafür sollte man einstehen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Ich fühle mich endlich wohl in meiner Haut. Ich habe keine Angst mehr zu sagen, was ich denke.
Selbst wenn es mir zu Beginn unmöglich erschien, mit der Testosteroneinnahme zu beginnen oder die Brüste entfernt zu bekommen, irgendwann ist es Wirklichkeit geworden. Durch meine Transition weiß ich jetzt, dass es die kleinen Dinge sind, die von Bedeutung sind. Das erste Mal mit dem richtigen Pronomen angesprochen zu werden, die passende Kleidung oder den richtigen Haarschnitt zu tragen. Heute fühlt es sich an, als hätte ich diesen Körper schon immer gehabt: Ich bin ein Mann und daran hat niemand mehr Zweifel. Jede kleine Hürde muss man nehmen, um ins Ziel laufen zu können. Abkürzungen gibt es nicht.“

Heute lebt der 21-Jährige in Berlin und arbeitet als freier Photograph.

Journalistin In meiner Freizeit puzzle ich viel und löse leidenschaftlich Kreuzworträtsel. Von klein auf faszinieren mich alte Sprachen und antike Kulturen. Gute Journalist*innen sollten stets neugierig sein und mutig die eigene Komfortzone verlassen.

2 Kommentare

  • mikeosterath

    Waauuuhh … ich stelle mir das echt heftig vor … gefangen in einem nicht zu einem selbst passenden Körper.
    Klasse, das Marty den Mut aufgebracht hat das ganze durchzuziehen … Respekt!! Ein wirklich nicht alltäglicher Fall. Ja … und was soll (möchte!) ich sagen (schreiben) … Von Herzen alles alles Gute, viel Glück und … ebenso viel Spaß beim Ausleben der gänzlichen Männlichkeit! (-:

    Mike

  • Laura

    Ich habe die Transition von 2013-2017 mit beobachten dürfen, nicht mit Wissen über jedes einzelne Detail, jedoch durfte ich Marty jeden Tag sehen und war immer dankbar dafür, wie offen er uns als Mitschüler über diese sensiblen und persönlichem Themen informiert hat. Auch den Schülern und Lehrern fiel es Anfangs schwer, sich daran zu gewöhnen, aber ich bin sehr froh, dass dieser Wandlungsprozess so super geklappt hat und Marty ein so zufriedenstellendes und erfüllendes Ergebnis erreichen konnte! Bin stolz auf dich Marty!! :* Grüße vom roten Flur

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Größe
Kontrast